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DAS GEHEIMNIS DER MONSTERINSEL

„Kannibalen? Ach, wären wir doch in San Francisco geblieben…“

Spanien/USA 1981 / O: „Misterio en la Isla de los Monstruos“ / AT: „Reise zur Insel des Grauens“ / Prod.: Almena Films; Fort Films / Laufzeit: 100 Min. / FSK: ab 12 

Regie + Produzent: Juan Piquer Simón / Musik: Alfonso Agullo, Alejandro Monroy, Carlos Villa / Kamera: Andrés Berenguer / Schnitt: Rafael de la Cueva, Earl Watson / Buch: Ron Gantman, Joaquín Grau, Juan Piquer Simón / LV: Jules Verne, „Schule der Robinsons“ 

Darsteller: Ian Sera (Jeff Morgan), David Hatton (Artelect/Tartelett), Terence Stamp (Taskinar), Peter Cushing (William T. Kolderup), Paul Naschy [alias Jacinto Molina] (Flint), Frank Bana (Birling), Gasphar Ipua (Carefinatu), Blanca Estrada (Dominique), Ana Obregón (Meg), Gérard Tichy (Capt. Turkott), Ioshio Murakami (Chinamann) sowie Manuel Pereiro, Daníel Martin, Luis Barboo, George Bosso [= Jorge Bosso]

 

Da hat man als B-und Monster-Movie-Fan mit der „Jules-Verne-Box“ vom Anbieter MIG für 10€ wirklich ein Schnäppchen gemacht. Neben TAUCHFAHRT DES SCHRECKENS von Kevin Connor mit Doug McClure als Held unter dem Meer sind die anderen drei Filme aus dem Repertoire von Spaniens Trash-Tausendsassa Juan Piquer Simón: DIE PHANTASTISCHE REISE ZUM MITTELPUNKT DER ERDE (1976), DER TEUFEL DER MEERE (1982) und der hier besprochene DAS GEHEIMNIS DER MONSTERINSEL (1981).

Wer mit dem Wirken und Schaffen des spanischen Regisseurs Juan Piquer Simón vertraut ist, wird wissen, dass er nicht unbedingt der Mann der Wahl ist, wenn es darum geht, Jules Verne adäquat auf die Leinwand zu bringen, doch führen wir uns erst einmal zu Gemüte, was sich denn hinter dem GEHEIMNIS DER MONSTERINSEL verbirgt: 

Auf ihr versucht Seebär Flynt (Paul Naschy, DIE STUNDE DER GRAUSAMEN LEICHENTOTENCHOR DER KNOCHENMÄNNER; MUCHA SANGRE), verfolgt und verwundet, seinen Goldschatz vor den gierigen Handlangern des Erzschurken Taskinar (Terence Stamp, RED PLANET) zu beschützen. Doch ein Vulkanausbruch vereitelt dem Schurken seine Pläne, den zu handlichen Goldbarren verarbeiteten Schatz abzutransportieren, aber bevor er zurück nach San Francisco schippert, verspricht Taskinar: „Ich komme zurück, niemand bekommt das Gold!“

Zu Hause angekommen, versucht er während einer Auktion die Insel zu ersteigern, doch leider kann er nicht mit dem 5-Mio-Dollar-Gebot von einem der reichsten Männer Amerikas mithalten: William T. Kolderup (Peter Cushing). Zähneknirschend zieht Taskinar von dannen. Währenddessen schickt Kolderup seinen jugendlichen Neffen Jeff (Ian Sera) per Schiff auf eine große Weltreise – in Begleitung von Prof. Tartelette (David Hatton), Tanz- und Benimm-Lehrer in Personalunion. Doch schon die erste Nacht endet in einem Horror-Szenario: die Besatzung ist tot und an Bord sind lauter Monster. Als einzige Überlebende können sich Jeff und Tartelette auf eine einsame Insel retten – wo sie sich mit Kannibalen, Ungeheuern und Dinosauriern abplagen müssen. Und dann sind da auch noch Piraten hinter dem Goldschatz her… 

DIE REISE ZUR INSEL DES GRAUENS, so der alte deutsche Titel, bedeutete für mich auch eine Reise zurück in die Kindheit, konnte ich als kleiner Knirps dieses Schmankerl des spanischen Trashfilms im DDR-Kino erleben – stilecht in Klappstuhlreihen aus Holz, nix da mit gemütliche Polstersessel. In der DDR startete DIE REISE ZUR INSEL DES GRAUENS im April 1984 (laut imdb); viel Phantastik, geschweige denn Horror oder Science-fiction, hatte der Arbeiter- und Bauernstaat für seine Brüder und Schwester sowohl im Kino als auch im Fernsehen nicht zu bieten. Es sei denn, man bekam das Westfernsehen gut ran. Rückblickend betrachtet dürfte es zu Erich’s Zeiten auch das einzige Mal gewesen (zumindest für mich persönlich), dass man die Horrorlegenden Peter Cushing und Paul Naschy auf der Leinwand erleben durfte.  

Von der Reise in die Kindheit blieb mit jetzigen Augen betrachtet ein kindliches und bisweilen kindisches Abenteuer übrig, das Anfang der 80er sicherlich ein paar Zonenkinder leicht verängstigt haben dürfte, aber die Kiddies von heute, in Zeiten von Counterstrike und Ego Shooter, herzlich kalt lassen dürfte. Die FSK-Freigabe ab 12 mutet daher schon wie ein Witz an, zumal ich damals deutlich jünger war, als ich mich im DDR-Kino auf DIE REISE ZUR INSEL DES GRAUENS begab. Margot wusste damals ganz genau, wieviel sie ihren Schützlingen zumuten konnte. Billige Masken, lächerliche Kostüme und obskure Pappmaché- und Gummi-Monster sind denn auch Zutaten, die freilich nur erklärte Trash-Fans erfreuen dürften, während der Rest sich über das Dargebotene schnell zu langweilen oder ärgern beginnt.  

So muten sämtliche Effekte des Films selbst für die damalige Zeit ziemlich rückschrittlich an, zumal ja das Publikums anno dazumal mit  KRIEG DER STERNE  und DAS IMPERIUM SCHLÄGT ZURÜCK ganz anderes, nämlich besseres, gewohnt war. Die Spezialeffekte, die hier Verwendung finden, sind genauso prähistorisch wie das ulkige Saurier-Ungetüm, das torkelnd und ungelenk durch’s Dschungelland schwankt und mit jedem seiner Schritte droht umzukippen. Auf der Flucht vor dem Gummi-Dino purzelt Prof. Tartelette über einen Riesen-Tausendfüssler, der sich kurz und träge erheben darf, während am Strand diverse Seetang-Ungeheuer umherwanken. Bei deren Auftritte dachte ich an das Neptunfest früher im Freibad Strehla. Meine absoluten Favoriten sind aber die lustigen Höhlen-Riesenraupen, die röchelnd unseren Helden ihre Gase ins Gesicht pupsen und Geräusche von sich geben, die denen einer außer Kontrolle geratenen Auto-Alarmanlage ähneln.  

Ohne Frage: Mit Jules Verne hat das entsprechend wenig zu tun. Es wäre töricht gewesen, etwas anderes anzunehmen. Nicht bei diesem Regisseur. Nur ein einziges Mal nähert man sich Verne: in einer Dialogzeile, die Prof. Tartelette während seines verzweifelten Versuchs, Feuer zu erzeugen, von sich gibt, was man mit Wohlwollen als feine Ironie durchgehen lassen kann: „Der Humbug, dass es Feuer gibt, wenn man Stöcke aneinander reibt, ist eine Erfindung von Jules Verne.“

Ansonsten ist DAS GEHEIMNIS DER MONSTERINSEL weniger ironisch, vielmehr unfreiwillig komisch. Für etwas anderes fehlen J. P. Simon einfach die Vorraussetzungen. Spannungs-Aufbau, Abenteuer-Feeling, Atmosphäre, eine aufregende Story oder irgendetwas, was Jules Verne zumindest im Entferntesten gerecht werden dürfte – Fehlanzeige. Bei ihm haperts schon mit den Szenenübergängen. Dafür jede Menge Trash, Unsinn, Ulk – holprig geschnitten und handwerklich mittelprächtig dargeboten von Simón, dessen Werk lediglich mit naivem Charme auftrumpfen kann. Was wohl nicht seine Absicht war. Oder doch?  

Simón’s Film verplempert zu viel Zeit mit Banalitäten, zu oft und zu lange wird gezeigt, wie sich Jeff und Tartelette auf der Insel einrichten, zur fröhlich beschwingten Mucke ihre Hütte bauen und einen Schimpansen als Untermieter aufnehmen. Sie entdecken die Habseligkeiten eines Insel-Vormieters und retten den lustigen Quoten-Neger vor einem wilden Kannibalen-Stamm. Mit Rat und Tat steht er unseren beiden Helden fortan zur Seite. Und dann treibt sich noch so eine blonde Uschi (Blanca Estrada, DAS GEISTERSCHIFF DER SCHWIMMENDEN LEICHEN) auf der Insel herum. Kein Trash-Abenteuer ohne blonde Uschi.

Piraten gibt’s auch noch, doch die werden mit selbst gebasteltem Waffenarsenal vorerst verscheucht, denn Jeff und Tartelette waren nicht faul gewesen, haben gebastelt und getüftelt und mcGyvert, was das Zeug hält. Zum Einsatz kommen auch eine selbst gebastelte, Pfeile abfeuernde Stalinorgel, ein Gatling-Maschinengewehr, wie wir es aus Peckinpah’s THE WILD BUNCH kennen, nur das hier mangels echter Munition Bananen verwendet werden, und ein Kokosnuss-Katapult-Abwurfgeschoss, das in ähnlicher Form in HERR DER RINGE verwendet wurde, dort natürlich viel gigantischer und mit Steinbrocken anstatt Kokosnüssen. 

Die zaghaften Ansätze seichter Gruselstimmung, was auch nur einmal vorkommt, nämlich zu Beginn auf dem Schiff (Nebelschwaden, Dunkelheit, die Besatzung tot), werden durch die primitiven Tricks (in diesem Fall eine billige Monsterkreation des Kiemenmenschen aus Jack Arnolds DER SCHRECKEN VOM AMAZONAS) und das pausenlose Geplapper und Gezappel von Tartelette zertrampelt. David Hatton liefert in seinen aufdringlichen Slapstick-Einlagen als übernervöser Professor, der vor jeder kleinen Blindschleiche zusammenzuckt und über alle möglichen Dinge stolpert, sofern er sie sich nicht selbst auf die Füße haut, eine besonders kasprige Darstellung ab, die durch die entsprechend „lustigen“ Dialoge abgerundet wird. 

Von der namhaften Besetzung blieben mal wieder nur ein paar halbherzige Gastauftritte übrig: Sowohl die britische Horrorlegende Peter Cushing als auch der renommierte Terence Stamp sind nur in den ersten und letzten 5, 10 Minuten zu sehen, die Handlung bleibt dem jugendlichen Held und seinem tapsigen Professor überlassen. Zwei Eurotrash-Koryphäen gesellen sich dazu, haben aber ebenfalls nicht viel Screentime: Paul Naschy überlebt als bärtiger Seebär und Bewacher eines Goldschatzes nicht mal die ersten 5 Minuten und auch Spaghettiwestern-Legende Frank Brana kratzt als Taskinar’s Handlanger sehr schnell ab.  

Den heiteren Charakter des Films unterstützt eine lustige Melodie, zu der im Abspann ein fröhlicher Kinderchor erklingt, welcher auf deutsch (!) gesungen folgendes Liedchen trällert: 

Eine Insel müsst man haben

Wo ein Monster einen Schatz bewacht

Und er steckt natürlich in einem Supermonsterschacht 

Und es wird die Augen rollen

Doch sein Fauchen wäre für die Katz’

Denn wir geben dem Ungeheuer

Eins vor den Monsterlatz 

Eine Insel, eine Insel auf dem Meer

Eine Insel müsst’ man haben

Eine Insel, die muss her 

Eine Insel müsst man haben

Wo es Spannung gibt im Überfluss

Und der Lehrer seine Schularbeiten

Selber machen muss 

Und wir Mädchen suchen uns vor der Hochzeit einen starken Typ

Und wir heiraten uns am Strand

Und haben uns unheimlich lieb

Eine Insel müsst man haben

Dann wären wir alle groß und frei

Und wenn wir nicht gestorben sind

Dann leben wir noch heut’

Sollte der Text zu diesem Liedchen wirklich der DEFA-Synchronisation zugeschrieben werden, dann hätte die Stasi diesen versteckten Aufruf zum Aufstand nicht bemerkt. Die Insel zur Freiheit (Mallorca natürlich) lag noch für einige Jahre in unerreichbarer Ferne, damals galt halt noch: Und nächstes Jahr am Balaton.  

Zum Schluss kommt noch eine dicke fette Überraschung, doch bevor ich DAS GEHEIMNIS DER MONSTERINSEL lüfte, noch die obligatorische Spoiler-Warnung. Die Schlusspointe ist die: Das ganze Abenteuer war vom Schiffbruch angefangen bis hin zu den Gefahren auf der Insel eine von Kolderup inszenierte Show, mit der er seinem Neffen ein Abenteuer für’s Leben gönnen wollte. Alles nur Spaß gewesen, es bestand nie ernsthafte Gefahr für Jeff und dem Prof. Die Kannibalen: alles Schauspieler, der Vulkanausbruch und die Monster: alles Tricks. J. P. Simon, du Sauhund, damit kannste sogar deine billigen Spezialeffekte rechtfertigen! Nur die Piraten passen nicht in dieses arrangierte Abenteuer-Szenario, kein Wunder, stecken doch Taskinar’s Männer dahinter, die auf der Jagd nach dem Goldschatz sind. Mit ein paar Knallfröschen vom Chinamann werden sie schnell außer Gefecht gesetzt.

Wer die Übeltäter von diesem aufgesetzten Dampfhammer-Ende unter den Drehbuchautoren ausfindig machen will, muss enttäuscht werden, denn genauso endete auch Verne’s Romanvorlage. Im Gegensatz zu ihr hat sich Simon das richtig ernst zur Sache genommen. Sein Verhängnis. So ein Shit mit dem „cheat“. Die Auflösung in Form einer Scharade, mit engagierten Schauspielern, die den Protagonisten etwas vorspielen, war schon 1935 in Tod Brownings DAS ZEICHEN DES VAMPIRS (mit Bela Lugosi) nicht überzeugend, und funktioniert bei einem Schmalspurfilmer wie Simon es ist erst recht nicht. Vielleicht hat sich ja David Fincher, als er seinen genialen Thriller THE GAME inszenierte, wo ja Michael Douglas’ Leben völlig außer Kontrolle geriet, von einem dieser beiden Filme was die „Schlusspointe“ angeht inspirieren lassen. Das wäre wirklich lustig.    

  • Mit Peter Cushing und Terence Stamp treffen hier gleich zwei Darsteller aufeinander, die auch im STAR WARS-Universum zugegen waren: Cushing als fieser Grand Moff Tarkin in der jetzigen Episode IV „Krieg der Sterne“ (1977) und Stamp als Kanzler Valorum in Episode I „Die dunkle Bedrohung“ (1999)

  • Juan Piquer Simón werkelte sich als Spaniens Restefilmverwerter- und recycler mehrere Jahre lang so durch die Genres: neben seinen kongenialen Jules-Verne-Verfilmungen verdanken wir ihm u.a. den SUPERMANN-Schnellschuss SONICMAN (1979), den Schlitzer-Thriller DER KETTENSÄGENKILLER aka PIECES (1982, mit Christopher George), den Invasions-Quark DIE AUSSERIRDISCHEN BESUCHER (1983), den herrlich ekligen SLUGS (1988), die H.-P.-Lovecraft-Verballhornung CTHULU MANSION (1990) und das nette Unterwasser-Monster-Abenteuer SIRENE 1 aka U 1 – TAUCHFAHRT DES SCHRECKENS (1990).

  • Frank Brana, Dauernebendarsteller bei J. P. Simon, ist auch in den anderen beiden Filmen, die in der „Jules-Verne-Box“ enthalten sind (DIE TEUFEL DER MEERE und DIE PHANTASTISCHE REISE ZUM MITTELPUNKT DER ERDE), zu sehen. 

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Aktualisiert (Donnerstag, den 26. März 2009 um 15:49 Uhr)

 
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