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Cannibal Ferox

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CANNIBAL FEROX

 

 

 

 

I 1981 / O: „Cannibal Ferox“ / AT: „Make Theme Die Slowly“; „Die Rache der Kannibalen” / Laufzeit: 89 Min. (uncut, indiziert) 

 

Regie + Buch: Umberto Lenzi / Musik: Roberto Donati, Fiamma Maglione / Kamera: Giovanni Bergamini / Schnitt: Enzo Meniconi / Prod.: Antonio Crescenzi / Spezialeffekte: Gino De Rossi 

 

Darsteller: John Morghen [= Giovanni Lombardo Radice] (Mike Logan), Lorraine De Selle (Gloria), Bryan Redford [= Danilo Mattei] (Rudy Davis), Zora Kerova (Pat Johnson), Robert Kerman (Lt. Rizzo), Walter Lloyd [= Walter Lucchini] (Joe), Meg Fleming [= Fiamma Maglione] (Myrna Stenn), John Bartha (Gangster in Brooklyn), ungenannt: Giovanni Bergamini (Hotel Manager), Perry Pirkanen (Paul), Dominic Raacke [!] (Mann in New York) u.a.

 

 

 

 

                                                                                                                     

 

Mit den Kannibalen ist das ja auch so eine Sache. Ziemlich eklige Angelegenheit, mag sich da der eine oder andere denken. Was da dem Kannibalen selbst durch den Kopf gehen mag, wenn er z.B. sein Mittagessen wieder hochgebracht hat? Vielleicht: „Da liegt ein gebrochener Mann vor mir...“

Das Erbrochene an sich kann auch so etwas wie eine Art Befreiungsschlag sein: wenn du kotzen musst, dann zeig’, was in dir steckt. Es soll ja den einen oder anderen Zuschauer gegeben haben, der während des Genusses eines Kannibalenfilms sein Mittagessen ebenfalls wieder an die Oberfläche beförderte. Und was hat er gedacht? Der Film war zum Kotzen! Tja, das haben manche Filme so an sich, speziell solche, in denen hungrige Kannibalenmäuler über üppige Menschenfleisch-Rationen herfallen.  

 

Zwei italienische Filmemacher kitzelten in den 70ern mit ihrer Kannibalenfilm-Kunst ebenfalls Brechreiz-Gefühle hervor: Umberto Lenzi und Ruggero Deodato. Da versuchten sie sich über Jahre hinweg gegenseitig auszubooten und für sich in Anspruch nehmen, als Kannibalen-Koryphäen in die Annalen der Filmgeschichte einzugehen. Alles begann 1972 mit dem beschaulichen Menschenfresser-Abenteuer MONDO CANNIBALE, mit dem Umberto Lenzi als Wegbereiter des Kannibalenfilms das italienische Exploitationkino aufwühlte. Es sollten vier Jahre vergehen, bis ihm Ruggero Deodato in den Dschungel folgte und mit MONDO CANE II eins nachlegte, wobei sich die Fortsetzung als Remake entpuppte, nur das es etwas rabiater zur Sache ging. 1979 wollte Deodato sich selbst übertrumpfen, was ihm mit CANNIBAL HOLOCAUST gelang: er wurde vor Gericht gestellt. Lenzi feixte sich eins und ließ gleich 2 Kannibalenschocker folgen, um als Dschungelkönig gekrönt zu werden: LEBENDIG GEFRESSEN (1980) und der hier vorliegende CANNIBAL FEROX, hierzulande auch bekannt als DIE RACHE DER KANNIBALEN.

Mit diesen Menschenfresser-Epen folgte auch ein über die Jahre anhaltender Kleinkrieg zwischen Lenzi und Deodato, die sich gegenseitig beschuldigten, vom anderen geklaut zu haben. So ist das, wenn Regie-Kannibalen sich gegenseitig auffressen. Das Medium Film als barbarischer Zerfleischungsakt. 

 

Nichts anderes führt uns Umberto Lenzi vor. Wäre er ein Hund, müsste man zu dem, was er hier fabriziert hat, „Pfui!“ sagen und ihn mit der Nase reinstopfen. Diverse Kastrationen und die berühmt-berüchtigte Szene, in der eine Frau mit rostigen Haken an den Brüsten aufgehängt wird, mögen ja noch minderbemittelte Splatterfreaks zum Grölen animieren. Doch was hat es mit den zahlreichen (realen!) Tier-Tötungs-Szenen auf sich? Was geht da in einem Regisseur vor, so etwas abzufilmen? Okay, was sich heutzutage Horrorfan schimpft, da gibt’s bestimmt einige abgestumpfte, kulturell und geistig verwahrloste Idioten, die finden auch daran Gefallen. Mögen alle Tiere des Dschungels über Lenzi und seine Jünger herfallen! 

 

CANNIBAL FEROX ist der absolute Bodensatz des italienischen Schundkinos. Paradox die Ausgangssituation: drei junge, dumme Amis reisen nach Kolumbien, um dort den Beweis für die Nichtexistenz von Kannibalen zu erbringen (!). Dort stolpern ihnen zwei Artgenossen entgegen: zugekokste Gangster (der eine verletzt, der andere aggressiv), die im Dschungel auf Diamantenjagd sind und wilde Kannibalengeschichten erzählen. Die werden unsere Protagonisten am eigenen Leib zu spüren bekommen. Die Rache der Kannibalen läßt nicht lange auf sich warten: als Strafe für die Grausamkeiten und Sadismen, die ihnen von den Weißen entgegen gebracht wurden. Umberto Lenzi ist ihnen leider entkommen.  

 

Er selbst ist heute auch nicht mehr gut auf sein Machwerk zu sprechen. Was auch immer seine Motivation gewesen sein mag, diesen Film zu drehen: das Endergebnis ist ein hohles CANNIBAL HOLOCAUST-Plagiat; die Ausbeute eines kurzzeitig angesagten Filmtrends, was typisch war für das italienische Exploitation-Kino. In diesem Fall aber: unnötig. So ist es auch kaum verwunderlich, dass sich die Kannibalen im Gegensatz zu den Zombies, die doch ein paar Jahr lang über die Leinwände trotteten, nicht wirklich etablieren konnten. 

 

CANNIBAL FEROX richtet sich ausschließlich an die niedersten Instinkte. Wollte Lenzi, wie Kollege Deodato, die Grausamkeit des Menschen aufzeigen, so hat er sich ebenfalls selbst bloßgestellt: denn wie grausam und niederträchtig muss man als Filmemacher (und Mensch!) sein, wenn man lebende Tiere vor der Kamera abschlachten läßt? Ziemlich plump und armselig ist auch der Versuch, einen Kontrast zu dem sogenannten zivilisierten und dem wilden Leben herzustellen: in Form einer überflüssigen Krimi-Nebenhandlung, die im  Großstadtgewimmel von New York spielt, mit CANNIBAL HOLOCAUST-Star Robert Kerman als ermittelnden Polizisten.  

 

Eines muss man Deodato, bei aller Barbarei, die er betrieb, lassen: dort funktionierte sein New York/Dschungel-Zapping und machte dramaturgisch gesehen auch Sinn. Das Dumme an CANNIBAL HOLOCAUST aber war: dort sind die Tiersnuff-Szenen noch ausgewalzter. Und ohne die restlichen, grenzwertigen Schock- und Ekelszenen sowie den rassistischen Gedankensudeleien würde CANNIBAL HOLOCAUST durchaus als sozial- und gesellschaftskritische Studie durchgehen, zumal die Idee, den Film wie eine Semi-Doku aussehen zu lassen, für die damalige Zeit wirklich clever war. Schade eigentlich, dass Deodato die vielen guten Ansätze mit seinem Hang zu sadistischen, krankhaften Bildern zerstört hat.  

 

Der einzig gute Ansatz bei Lenzis CANNIBAL FEROX ist, wenn man sich entschließt, den Film gar nicht erst anzuschauen. So etwas Ähnliches wie Spannung und Atmosphäre kommt gar nicht erst auf, was bei dem katastrophalen Drehbuch, Lenzi’s handwerklichem Unvermögen und den letztklassigen Knattermimen auch kein Wunder ist. Die Darstellung der Eingeborenen bedient lauter rassistische Ressentiments: Busch-Statisten, die sich paar Mal im Mehl wälzten und als Dschungel-Ureinwohner mit Appetit auf Menschenfleisch engagiert wurden. Der eine hockt wie doof hinter’m Busch und stopft sich daumengroße Maden in den Mund, ein anderer läßt sich einen Amis-Penis schmecken – da sagt der Human-Gourmet doch nicht nein.   

 

  • Giovanni Lombardo Radice alias John Morghen spielt hier den zugekoksten, ausgeklinkten Psychopathen, der nach erfolgreich bestandener Kastration sich wacker durch den Dschungel kämpft – bis zum bitteren Ende. Der 1954 in Rom geborene Radice kann auf eine wechselhafte Schauspieler-Karriere zurück blicken: in Antonio Margheritis ASPHALT KANNIBALEN (1980, mit John Saxon) spielte er eine Figur, die Charlie Bukowski hieß, in Lucio Fulci’s EIN ZOMBIE HING AM GLOCKENSEIL (1980) ließ er sich einen Bohrer in den Kopf rammeln, in Deodatos DER SCHLITZER (ebenfalls 1980) war er der Gehilfe von David Hess, in Michele’s Soavis AQUARIUS – THEATER DES TODES (1987) gab er den schwulen Balletttänzer und in Margheritis toller SF-Mini-Serie DER SCHATZ IM ALL (mit Anthony Quinn, Ernest Borgnine und Klaus Löwitsch) startete er zu aufregenden Abenteuern im Weltraum. Nach langjähriger Kinoabstinenz bekam er Nebenrollen in Martin Scorsese’s GANGS OF NEW YORK (2002) und im Remake von DAS OMEN (2006).  

     

  • „Erschreckend sind jedoch nicht nur die Effekte, sondern auch die einfallslose Dramaturgie und die drittklassigen Schauspieler.“ (Andreas Bertler, HÖLLE AUF ERDEN) 

     

  • „Weil sich der Film herb realistisch und relativ distanzlos gibt, mildert nichts die Schärfe der Gewaltverherrlichung und des Rassismus, der in der Darstellung der „Eingeborenen“ ihren traurigen Tiefpunkt findet.“ (Frank Trebbin, DIE ANGST SITZT NEBEN DIR) 

     

  • „Sammelsurium der Abscheulichkeiten: Eine Frau wird an den Brüsten aufgehängt – aber wer hat Regisseur Umberto Lenzi das Handwerk gelegt?“ (Rolf Giesen & Ronald M. Hahn, DIE SCHLECHTESTEN FILME ALLER ZEITEN)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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