I Spit On Your Grave (2010)
USA 2010 / O: "I Spit On Your Grave" / Prod.: Family of the Year Productions; Verleih: Anchor Bay Entertainment; Cinetel-Films
Regie: Steven R. Monroe / Musik: Corey Allen Jackson / Kamera: Neil Lisk / Schnitt: Daniel Duncan / Ausf. Prod.: Jeff Klein, Gary Needle, Alan Ostroff, Meir Zarchi / Prod.: Lisa Hansen, Paul Hertzberg / Buch: Stuart Morse, Vorlage: Meir Zarchi (1978)
Darsteller: Sarah Butler (Jennifer), Jeff Branson (Johnny), Andrew Howard (Sheriff Storch), Daniel Franzese (Stanley), Rodney Eastman (Andy), Chad Lindberg (Matthew), Tracey Walter (Earl), Molli Milligan (Mrs. Storch), Saxon Sharbino (Chastity), Amber Dawn Landrum (Mädchen an der Tankstelle)
I SPIT ON YOUR GRAVE - ICH SPUCK' AUF DEIN GRAB. Da sind sie also: die Filme, die allein schon durch ihren Titel einen (mehr oder weniger zweifelhaften) Bekanntheitsstaus genießen. Was noch nicht heißt, dass man sie deswegen gesehen haben muss. Im vorliegendem Fall handelt es sich um einen Streifen aus dem Jahr 1978 (Regie: Meir Zarchi), der den in den 70ern angesagten Backwood-Horror á la THE LAST HOUSE ON THE LEFT (1972) und TEXAS CHAINSAW MASSACRE (1974) mit der damals ebenfalls angesagten Selbstjustiz-Thematik (angestachelt durch Charles Bronson's EIN MANN SIEHT ROT) kreuzte. Hier wurde die Geschichte der jungen Schriftstellerin Jennifer Hills erzählt, die in der Abgeschiedenheit des Landes die Ruhe sucht, um dort an ihrem neuem Buch zu arbeiten.
Doch das einzige was sie zu erwarten hat, ist von vier Männern aus der näheren Umgebung gepeinigt, verschleppt und vergewaltigt zu werden. Für tot befunden kehrt die junge Frau, innerlich zum Monster geworden, zurück, um es ihren Peinigern heimzuzahlen - Rache ist Blutwurst!
Nicht nur der Inhalt, sondern auch die angedichtete Frauenfeindlichkeit und eine quälend lange Vergewaltigungssequenz dürften die Gründe gewesen sein, die dazu führten, dass das spekulative Rachedrama 1983 auf dem Index landete (und seit 1987 bundesweit beschlagnahmt wurde). Ein Schicksal, das auch dem 2010 gedrehtem Remake von Steven R. Monroe ereilte. Der Handlungsverlauf ist nahezu identisch, doch hier ist es der genüsslich zelebrierte, bestialisch-grausame Racheakt, der im Gegensatz zum umstrittenem Original so richtig schön herausgearbeitet wird und dem früheren Titel - DAY OF THE WOMAN - seine Berechtigung gibt: es wird der Tag der Frau werden. Aber erst nach dem überstandenem Martyrium - soll ja alles seinen Grund haben.

Seit Dustin Hoffman im Peckinpah-Meisterwerk STRAW DOGS (1968; hierzulande auch als WER GEWALT SÄT... bekannt), von dem es demnächst übrigens auch ein Remake geben wird, die Vergewaltigung seiner Frau rächte, gab es bis heute die verschiedensten Filme, die sich mit dem Thema Selbstjustiz befassten. Hier konnte man dann über Moral oder Unmoral streiten: Wenn Unrecht geschieht und die entsprechenden Institutionen nicht in der Lage sind, die Ordnung wiederherzustellen, dann muss man das Gesetz eben die eigene Hand nehmen - mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln.
Spätestens als 1972 Wes Craven mit seinem LAST HOUSE ON THE LEFT herum wütete und Charles Bronson ab 1974 der Mann war, der rot sah (und das in vier weiteren Fortsetzungen) trat denn dieser Beigeschmack auf: was denn wäre, wenn sich der kleine Mann dadurch bestärkt sieht, tatsächlich das Gesetz in die eigene Hand zu nehmen. Allerdings ist bislang noch kein Film bekannt geworden, der dahin gehend irgend jemand dazu inspirierte. Inspiriert sahen sich dafür jene, die über Gewaltverharmlosung und Gewaltverherrlichung schwadronierten.
Rachethriller und Selbstjustizfilme gab es in den letzten Jahren in diversen Ausführungen und mit unterschiedlichsten Motivationen zuhauf: In DEATH SENTENCE rächte Kevin Bacon den Tod seines Sohnes, in DIE FREMDE IN MIR (2007) zahlte Jodie Foster die Ermordung ihres Verlobten an jedem Gesetzeslosen, der ihr über den Weg lief, heim und in 96 HOURS (2008) sah sich Liam Neeson veranlasst, im Alleingang und mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln seine Tochter aus den Händen von Sklavenhändlern zu befreien. Auch die in Ehren ergrauten Senioren Michael Caine (HARRY BROWN) und Clint Eastwood (GRAN TORINO) packten dahin gehend mit an, als ihre Viertel von kriminellen Jugendbanden terrorisiert wurden.
Im Zuge dessen ist es nicht weiter verwunderlich, wenn zwei der berühmt-berüchtigsten Rape- & Revengethriller der 70er Jahre geupdatet wurden: 2009 inszenierte Dennis Iliadis das Remake des Wes-Craven-Frühwerks THE LAST HOUSE ON THE LEFT, in dem eine Gruppe von Gewalttätern ausgerechnet bei jenen Eltern unterkommen, deren Tochter sie zuvor vergewaltigt und ermordet haben. Kein Jahr später nun diese Neuverfilmung von ICH SPUCK' AUF DEIN GRAB, mit dem Regisseur Steven R. Monroe dasselbe gelang wie zuvor Iliades (und 2006 auch Alexandre Aja mit THE HILLS HAVE EYES): hier übertrifft das Remake das jeweilige Original; sie sind nicht weniger drastisch, aber runder und kompetenter inszeniert als die rüden 70er-Jahre-Flicks. Somit aber auch weniger dreckig. Regisseur Steven R. Monroe, der bislang neben der CUBE-Variation HOUSE OF 9 (2005) mit eher zweitklassigen Horrorthrillern (LEFT IN DARKNESS, 2006; MONSTER VILLAGE, 2008; WYVERN, 2009) und TV-Katastrophenfilmchen (STORM CELL, 2008; ICE TWISTERS, 2009) in Erscheinung trat, legt hiermit seine bislang beste Arbeit hin, wenn natürlich nicht frei von Logik-Lücken und formelhaften Genre-Fleddereien im SAW / HOSTEL-Stil. Konservative Gemüter werden beim Anblick dessen, was sie hier zu sehen bekommen, den Machern auch zurufen wollen: Ich spuck' auf deinen Film!
Anzurechnen ist Monroe, dass er bei Jennifers Martyrium, das angefangen von Beleidigungen und Erniedrigungen bis hin zur Vergewaltigung durch gleich fünf Männer einen nicht unerheblichen Teil einnimmt, in den entscheidenden Momenten wegblendet. I SPIT ON YOUR GRAVE ist ein Film der Extreme: roh, rabiat und in einigen unangenehmen Moment nur schwer anzuschauen. Das alles ist Inhaltlich fragwürdig und nicht besonders originell, aber dennoch handwerklich tadellos, wobei hier auch die kompetente Kameraarbeit von Neil Lisk ihren Anteil mit leistet. Zu überzeugen wissen auch die Darsteller, die sowohl die emotionalen als auch körperlichen Strapazen spürbar machen. Großes Lob gebührt hier vor allem Sarah Butler, die von der selbstbewussten, wenn auch leicht tollpatschigen Schriftstellerin über das gepeinigte Vergewaltigungsopfer bis hin zum kalten Racheengel die volle Bandbreite ihres Talents ausspielen darf.
Andeutungen auf ein drohendes Unheil gibt es zu Beginn in der Pampa, als Jennifer nur ihren Tank auffüllen will und an der Zapfsäule auf drei ihrer fünf Peiniger trifft: Großmaul Johnny (Jeff Branson), Mitläufer Andy (Rodney Eastman, NIGHTMARE ON ELM STREET 3 & 4) und der Voyeur Stanley (Daniel Franzese), der das Geschehen per Camcorder festhält. Die drei von der Tankstelle werden komplettiert vom geistig behinderten Matthew (Chad Lindberg), der erst gar nicht so richtig weiß, was er tut und dann als einziger ein schlechtes Gewissen bekommt, sowie eine Figur, die neu dazu gekommen ist: ein besonders garstiges Exemplar von sadistischer Sheriff, der sich hier eben nicht als Retter in der Not erweist, sondern als Rädelsführer entpuppt. Die Polizei: dein Freund und Vergewaltiger. Auch wenn auf tiefer greifende Charakterisierungen verzichtet wurde, so hat es dieser Sheriff Storch (fies-impulsiv: Andrew Howard) durchaus in sich: Von sich behauptet er ein Gottes fürchtiger Mann zu sein, führt privat ein Dasein als Ehemann und scheinbar liebevoller Vater - und genießt sein Doppelleben als Mörder und Vergewaltiger in vollen Zügen.
Was nun mit Jennifer in der Zeit zwischen ihrer Leidenstour und dem kaltblütigem Rachefeldzug geschah, lässt der Film ausgeklammert, so das man ihm schon vorwerfen kann, dass er sich nur für Äußerlichkeiten interessiert. Wie sehr die Macher auch hier den Mechanismen des Genres verfallen, zeigt am Anfang eine typische Szene, die man so oder so ähnlich schon anderswo gesehen hat: Zu Beginn, als sie nachts die klappernde Schuppentür schließen will, wird ein kleiner Rundumblick auf das dahinter befindliche Werkzeugarsenal geworfen, wobei schon hier deutlich wird, dass das eine oder andere Utensil im späteren Verlauf noch Verwendung finden wird. Ganz besonders die Heckenschere.
Konnte sie sich nach ihrem Martyrium kaum noch auf den Beinen halten, zimmert sie wenig später, heimlich, still und leise, aus dem Bastler- und Heimwerkerbedarf diverse Apparaturen, mit denen sie es ihren Peinigern heimzahlt, damit sie anschließend auf deren Gräber spucken kann. Erstaunlich, was für ein Kreativpotential in Sachen Mord und Folter sie dabei an den Tag legt. Man möchte fast meinen, dass sie nie etwas anderes gemacht hat. Ist die Vergewaltigung der Grund oder schlummerte in ihr schon immer so ein Talent? Diese Frage bleibt ausgeklammert. Jennifers ganz persönliche Maschinerie des Todes würde einem Jigsaw zur Ehre reichen: ob nun mittels komplizierter Wannenvorrichtung das Gesicht zu Matsch verätzt wird, kreisende Aasgeier die aufgerissenen Augen vom gefesselten Camcorder-Junkie herauspicken, der Gewehrlauf als Einlauf dient oder jene Aua-Szene, die dem Begriff "Self Suck" ganze neue Möglichkeiten bietet - das alles geschieht explizit und hundsgemein. Da sollte Mann seine Kastrationsängste besser beiseite legen.
Apropos kastrieren: selbiges trifft auch auf die deutsche Fassung zu, die in der Videothek nur in einer um 4 Minuten gekürzten Fassung vorrätig ist. Eine geplante Kaufversion wurde komplett abgeblasen, weil sich der deutsche Anbieter Sunfilm nicht mit der FSK einigen konnte. Abhilfe schaffen mal wieder unsere österreichischen Nachbarn (in diesem Fall der Anbieter Illussions Unltd. films), die das brachial-drastische Rache-Remake nicht nur ungekürzt, sondern in einer einwandfreien Bild- und Tonqualität veröffentlichten.
6,5/10
Teilen
Set as favorite
Bookmark
Hits: 1180
Kommentare (0)

Kommentar schreiben
| < Zurück | Weiter > |
|---|
Aktualisiert (Freitag, den 09. September 2011 um 19:58 Uhr)

















