Homevideo
D 2010 / O: "Homevideo" / Prod.: teamWorx; NDR; Bayersicher Rundfunk; Arte / Laufzeit: 90 Min. / FSK: ab 12
Regie: Kilian Riedhof / Musik: Peter Hinderthür / Kamera: Benedict Neuenfels / Schnitt: Benjamin Hembus / Prod.: Benjamin Benedict, Christian Granderath, Lucia Staubach / Buch: Jan Braren
Darsteller: Jonas Nay (Jakob Moormann), Wotan Wilke Möhring (Claas Moormann), Nicole Marischka (Irina Moormann), Sophia Boehme (Hannah), Jannik Schümann (Henry), Petra Kelling (Gertrud Moormann), Sabine Timoteo (Vera), Hans Werner Meyer (Robert), Anne Cathrin Buhtz (Christa), Oda Thormeyer (Rose), Tom Wolf (Erik), Willi Gerk (Tom), Anett Heilfort (Frau Beckmann), Christian Maria Goebel (Schulleiter) sowie Noa Togler, Sheeba Karim, Christoph Tomanek, Jeanette Arndt, Mignon Remé, Maria Hartmann u.a.
"Weißt du nicht, dass man damit jemanden verletzen kann?", fragt der Schuldirektor den allen Übel auslösenden, hochnäsigen Schüler Henry (Jannik Schüman). "Es gibt Leute, die ziehen es offenbar an." Seine Antwort darauf, nachdem er ein peinlich-intimes Video seines Klassenkameraden Jakob (Jonas Nay) via Internet und Handy verbreitete und ihn somit der Lächerlichkeit preis gab. Henrys kalte Reaktion auf die Konfrontation mit seiner Tat, der Triumph über sein "Herrschaftswissen", ist eine herzlose Rechtfertigung dafür, dass es immer welche gibt, die öffentlich bloß gestellt werden und es wird auch immer welche geben, die sich daran ergötzen und jubelnd zuschauen, wie da einer öffentlich gedemütigt und praktisch zugrunde gerichtet wird, dabei aber nicht die weitreichenden Folgen überblicken. In unserer medialen Vernetzung, wo Menschen via Internet und Handy miteinander kommunizieren, statt von Angesicht zu Angesicht, geht das natürlich im Schatten der Anonymität noch viel einfacher. Binnen weniger Minuten kann so ein ganzes Leben zerstört werden. Die ARD-Produktion HOMEVIDEO ist der erste deutsche (Fernseh-) Film, der sich mit den daraus resultierenden Folgen beschäftigt: Mobbing in der Schule und ganz speziell Mobbing im Internet.
Schon ganz am Anfang ahnt man, dass diese folgenreiche Geschichte kein gutes Ende nehmen wird. Hier sehen wir die weinenden Augen eines Vaters, der sich auf Familienvideos Bilder aus besseren Zeiten anschaut. Darauf sehen wir Jakob: er ist 15 Jahre alt, sensibel, introvertiert und künstlerisch begabt. Wie alle Jungs ins einem Alter hat auch er so seine Problemchen: In der Schule läuft es nicht so rund und zuhause stehen seine sich ständig streitenden Eltern (Wotan Wilke Möhring und Nicole Marischka) kurz vor Trennung. Freude bringt ihm dagegen die zarte Romanze zu der etwas jüngeren Hannah (Sophia Boehme), seine erste, große Liebe. Als er sich selber beim masturbieren filmt und dabei ihren Namen ruft, wird ihm genau dieser ganz persönliche, private Moment zum Verhängnis, als seine Mutter ohne Nachzudenken seine Kamera an zwei Mitschüler verleiht...

Schadenfreude ist die schönste Freude, heißt es doch so schön. Doch fängt mit dem "Auslachen" Mobbing nicht erst an? Wer will schon wirklich ausgelacht werden? Was an HOMEVIDEO so bedrückend und zermürbend ist, mit welcher Konsequenz diese Geschichte in einer einzigen Tragödie endet. Sicher wird nicht jeder Fall von Cyber-Mobbing so drastisch und tragisch enden wie hier geschildert. Jakobs einziger Ausweg aus seiner eskalierenden Alptraum-Situation wäre ihm erspart geblieben, wenn Freunde für ihn da gewesen wären, Lehrer ihn unterstützt hätten und es Eltern gäbe, die ihm - alle beide!- zur Seite stehen. Stattdessen erlebt er das genaue Gegenteil und muss erleben, wie praktisch sein gesamtes soziales Umfeld, einfach alles, zerbricht. Das führt dann schließlich zu der abstrakten Situation, dass er es ist, der angeklagt wird, als Hannahs besorgter Vater (Hans Christian Meyer), der sicher nicht zu Unrecht aufgebracht ist, nachdem Jakobs verhängnisvolles Video auf dem heimischen Laptop landet, eine Eltern-Lehrer-Konferenz einberuft, mit dem Ziel ihn von der Schule zu verweisen. So kann man ein Problem auch beseitigen.
Dabei gibt es mittendrin sogar diesen einen Hoffnungsschimmer, der sich allerdings auch schnell als Trugschluss erweisen wird, als es seinem impulsiven Vater gelingt, den verhängnisvollen Kamerachip zurück zu holen. Für den Zuschauer ist hier schon klar, das die Sache damit noch lange nicht aus der Welt geschafft ist. Dramaturgisch geschickt und geradezu perfide spielt hier HOMEVIDEO unter der eindringlichen Regie von Kilian Riedhof mit den Emotionen des Zuschauers. Jakob zerstört den Chip, versucht Abstand zu gewinnen und sein gewohntes Leben zu leben: Die liebevollen Momente mit seiner Oma, das Tischtennismatch mit seinem Vater und die zarten Annäherungsversuche zwischen ihm und Hannah - all diese Szenen scheinbar unbeschwerten Glücks sind umso schmerzhafter, wenn die fatalen Konsequenzen von "Cyber-Mobbing" ans Tageslicht rücken, denn zu diesem Zeitpunkt ist das Video schon längst im Internet gelandet und wurde auf Handys verbreitet...
Was dann geschieht ist einfach nur grausam und dürfte niemanden kalt lassen. Die Macher schaffen es ohne erhobenen Zeigefinger an die Thematik der unsozialen Netzwerke heran zu gehen, was mir in meiner Besprechung vielleicht nicht ganz gelungen ist (man möge es mir nachsehen). HOMEVIDEO wirkt mit seiner Schlußeinstellung noch lange nach, auch dank der Arbeit aller Mitwirkenden: die starken und intensiven Bilder, die unter der Regie von Kilian Riedhof entstanden, die Kamera von Benedict Neuenfels, das Drehbuch von Debütant Jan Braren (er schrieb und inszenierte bislang nur einen Kurzfilm) mit seinen authentischen Dialogen, die betörend-schöne Musik von Peter Hinderthür (DER BAADER MEINHOF KOMPLEX) und natürlich das überzeugende Darstellerensemble: Wotan Wilke Möhring und Nicole Marischka als sich ständig streitendes Eltern-Paar, das mehr mit den eigenen Problemen beschäftigt ist, Jannik Schümann als unreifer, empathieloser Henry und natürlich die Entdeckung am deutschen Schauspielerhimmel: Newcomer Jonas Nay, der für seine Leistung gleich zwei Mal mit dem deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet wurde ("Bester Film" und "Förderpreis").
Die für einen Schauspieler sicher schwierigen Szenen, wie die, in der sich sein Charakter Jakob Moorman beim onanieren filmt, erklärt Jonas Nay so: "Wenn der Zuschauer nicht sieht, was alle anderen auf ihren Handys sehen, kann er mit diesem Jungen eben nicht richtig mitfühlen. Da muss auch einmal ganz klar gezeigt werden, wie unheimlich unangenehm das für ihn ist."
Letzten Endes ist es wie mit den manchmal unsäglichen "Gewalt-im-Film-"Debatten: Manchmal muss man die Dinge eben zeigen, damit sie greifbar und fühlbar werden. Weiterhin führte Jonas Nay an, dass die an die Nieren gehenden Szenen, in denen sich Jakob abschottet, zurück zieht und verkriecht viel schwieriger zu filmen gewesen waren. Seine erste Hauptrolle ist eine beeindruckende, bewegende und intensive schauspielerische Glanzleistung, die einem sehr nahe geht.
HOMEVIDEO mag vielleicht der Film sein, der aus den hier sonstigen besprochenen Beiträgen aus der Rolle fällt. Aber er lag mir irgendwie am Herzen.
8/10
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"Sensibel, aber hart: ein Film, der wehtut." (TV SPIELFILM)
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Aktualisiert (Montag, den 24. Oktober 2011 um 23:27 Uhr)

















