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Veröffentlicht in : Filme, B |
Bernd Eichinger, der Geschichtenerzähler, nimmt sich nach DER UNTERGANG ein weiteres Mal einem Teil deutscher Geschichte an: mit DER BAADER-MEINHOF-KOMPLEX, der von ihm geschriebenen und produzierten Verfilmung des gleichnamigen Buches von Stefan Aust, rollt er nun die RAF-Vergangenheit auf. Und das im Jubiläumsjahr der 68er. Perfektes Timing. Eichinger und sein Regisseur Uli Edel erzählen die Geschichte der RAF in dem Zeitraum zwischen 1967 und 1977. Angefangen bei den Auslösern, der protestierenden Studentenbewegung, wahllos einknüppelnden Polizisten, dem Tod des Studenten Benno Ohnesorg und dem Attentat auf Rudi Dutschke, ist es bis zum bewaffneten Untergrund nicht mehr weit. Der Film endet schließlich mit der Ermordung von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer. Die immer noch währende Brisanz zur RAF-Thematik zeigt sich darin, das ein Tag vor dem Kinostart ein Anschlag auf das Haus von Stefan Aust verübt wurde. Eine krasse Form von (unfreiwilligem) Marketing. Die Ratten hocken immer noch in ihren Löchern. Marketing bekam die Eichinger-Produktion auch so, wurde sie doch nach ihrer Premiere in Talkshows und dem Feuilleton rauf- und runterdiskutiert. Den dabei geäußerten Vorwurf, dass der Film nichts neues bringt, kann man so nicht stehen lassen. Der kam dann auch von denen, die sich freilich ein halbes Leben lang mit der Thematik beschäftigten. Aber was haben sie auch erwartet? Trotz ungelöster Fragen und aufkeimender, hitziger Debatten: die RAF gibt es nicht mehr, sie wurde 1998 aufgelöst, das Thema ist abgeschlossen. Oder doch nicht? Wenn man das Gezerre um das Gnadengesuch von Christian Klar bei unserm Bundes-Horst bedenkt, das im Frühjahr 2007 vor allem Springer’s Kampf-Presse zu hetzerischer Höchstform auflaufen ließ, wird deutlich: diesbezüglich brodelt es im deutschen Gemüt. Auch bei Franz-Josef Wagner. Bei dem brodelt es des Öfteren. In seiner Kult-Kolumne „Post von Wagner“ störte er sich daran, dass unsere Demokratie es zulässt, das Brigitte Mohnhaupt, eine verurteilte Mörderin, nach Absitzen ihrer Haftstrafe rechtmäßig in die Freiheit entlassen wurde. Und, was den BILD-Leser ganz besonders entzürnt: da bekam sie auch noch eine von unseren Steuergeldern mitfinanzierte Sozialarbeiterin zur Seite gestellt, die ihr zum Beispiel die Bedienung am Geld- und Fahrkartenautomaten erklärt. Brigitte Mohnhaupt darf jetzt S-Bahn fahren. Dank unserer Demokratie. Herr Wagner hat wohl vergessen, dass es auch unsere Demokratie war, die nach ’45 ganz andere Mörder in unsere Gesellschaft integrierte. Die kamen sogar ohne Sozialarbeiter aus. Und was ist übrig geblieben von der RAF? Ihr Logo ziert jetzt diverse Girlie-Shirts – der reinste Top(p)-Terrorismus. Man müsste sich mal den Spass machen und deren Trägerinnen fragen, was es denn wirklich bedeutet, dieses RAF-Logo, das sie da auf ihren Möpsen tragen. Für die ist, laut Uli Edel, der Film auch gemacht, er wollte die Geschichte der RAF nicht jemandem erzählen, der sie schon kennt, „[…] sondern unseren Kindern die so gut wie nichts darüber wissen. Denen wollten wir erzählen, was von 1967 bis 1977 in Deutschland passiert ist“. So mag denn Uli Edels Film für Geschichtsfanatiker absolut nichts neues bringen, gleichwohl stellt er eine überzeugende und realistisch umgesetzte Abhandlung der RAF-Vergangenheit dar. Man kann dieser ambitionierten Eichinger-Produktion bescheinigen, dass sie sich hervorragend als Unterrichtsmaterial an Schulen eignet. Klar, das bei einer kinotauglichen Laufzeit auf historische Details verzichtet werden musste. Wer sich eingehender mit der RAF-Thematik beschäftigen möchte, sollte auf Aust’s Buchvorlage zurückgreifen. Oder, wer nicht lesen kann, bei Wikipedia nachschauen, da steht bestimmt ganz viel. Eichinger und Edel klammern jene Ereignisse, aus denen die RAF entstand, nicht aus, machen aber auch deutlich, das die Zeit der 68er mit ihrer Studentenbewegung, der Lust an der Rebellion und dem Aufbegehren gegen den gesellschaftlichen Mief, deren Nutznießer wir heute sind, nicht ausschließlich zur RAF, für deren Gründung die damalige Bundesrepublik zu einem gewissen Teil mit selbst verantwortlich ist, führte. Tja, und wie das so ist: ein Film kann sich sein Publikum nicht aussuchen. Man muss sich jetzt nicht wie bei DER UNTERGANG fragen: werden sich auch hier die falschen Leute den Film ansehen? Wo es doch mit der RAF um eine linksextremistische Terrorgruppierung geht, bleiben eben typisch linke Themen nicht aus: das Schalten und Walten eines willkürlichen Polizei- und Machtapparates, Militarismus, Medien-Manipulationen und ein Staat, der seine Bürger überwacht. Auch dagegen wollte die RAF vorgehen; unter anderem. Aber: Mit den falschen Mitteln. Eichinger und Edel bewahren die Distanz: Es wird weder moralisiert, was bloß gut ist, noch werden die RAF-Mitglieder heroisiert, sondern eben, dank der hervorragenden Besetzung, als handelnde Menschen mit Gefühlen dargestellt. Als ihr werter Herr Richter während des wochenlangen Prozesses von Baader und Meinhof mit "Du Arschloch" angesprochen wird, gab es im Kinosaal hier und da hämisches Gelächter. Haben sie also doch ihre Sympathien, diese Terroristen. So wie die Ereignisse hier geschildert werden, zeigt sich, dass die „Baader-Meinhof-Bande“ (BILD) letzten Endes an sich selbst gescheitert ist – und das schon vor der Gründung der RAF im Jahre 1970 (die rein formell gar nicht existierte). Sie sind gescheitert an ihren Egos, dem Gruppenzwang, dem sich gegenseitigen Aufstacheln, ihrem unkontrolliertem Verhalten, der Gewaltbereitschaft und dem blinden Fanatismus. Auch ihre Begeisterung für Waffen, der sie erlegen sind, hat sie scheitern lassen, wie das so ist, wenn große Jungs eine Knarre in die Hand bekommen. Bei einer wilden, nächtlichen Fahrt im Auto schießen Baader und Boock aus Spaß an der Freude auf Autobahnschilder. Es dauert nicht lange und es sind Menschen, auf die sie schießen. In einer anderen Szene bricht der cholerische Baader in Wut aus, als ihm im Exil sein Auto geklaut wird. „Na und“, entgegnet eine seiner Begleiterinnen, „kaufen wir halt ein Neues.“ Das ist das Denken von Kapitalisten. Aber den Kapitalismus bekämpfen wollen und dann doch mit dem Geld rumschmeißen wollen („…kaufen wir halt ein Neues…“), passt dann doch nicht so recht zusammen.
Letzten Endes haben ihre durch nichts zu rechtfertigende Terror-Aktionen genau das Gegenteil ausgelöst. Der Anschlag auf den Springer-Konzern hat nichts gebracht – BILD lügt noch immer. Und Hanns Martin Schleyer? Er starb den Märtyrer-Tod. Hanns Martin Schleyer war vor der Ermordung durch die RAF auch nur das gewesen, was man als Überbleibsel aus der NS-Zeit bezeichnet. Aber nach seinem Tod, da wurde aus dem Nazi-Mitläufer eine hoch verehrte Persönlichkeit, nach der man Strassen und Plätze benannte. Da hatte die RAF also auch ihr gutes gehabt, wenn sie im nachhinein einen lädierten Ruf wieder hergestellt hat. Bis in alle Ewigkeit, bis in den Tod hinein. Heute spricht niemand mehr von Hanns Martin Schleyer, dem Nazi-Mitläufer, sondern nur noch von Hanns Martin Schleyer, dem RAF-Opfer. So geht das. Was in diesem Fall zurück bleibt, ist ein packendes, intensives und perfekt rekonstruiertes Gesellschafts- und Zeitporträt, das Uli Edel in authentische, beklemmende Bilder packte. Diese sind mitunter recht drastisch und brutal, was nicht nur auf die Attentats- und Gefängnisszenen zutrifft (z.B. die Zwangsernährung von Holger Meins), sondern auch auf jene verstörende Momente zu Beginn, in denen deutsche Polizisten auf friedliche Demonstranten mit Knüppeln und Wasserwerfern losgehen. Die Rohheit und Brutalität mag für einige zermürbend sein, doch wird die Gewalt hier keineswegs selbstzweckhaft eingesetzt. Manchmal muss man eben die Dinge zeigen, wie sie gewesen sind. Und genau das haben Uli Edel und Bernd Eichinger getan. Wenn sich das für jemanden, der jene Epoche nie miterlebt hat, überhaupt so sagen lässt.
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