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DEE SNIDER’S
STRANGELAND
USA 1998 / O: „Strangeland“ / Prod.: The Shooting Gallery Regie: John Pieplow / Musik: Anton Sanko / Kamera: Goran Pavicevic / Schnitt: Jeff Kushner, Joe Woo Jr. / Ausf. Prod.: Larry Meistrich / Prod.: Dee Snider, David L. Bushell / Buch: Dee Snider / Spezialeffekte: Michael Burnett Darsteller: Dee Snider (Captain Howdy / Carleton Hendricks), Kevin Gage (Detective Gage), Elizabeth Pena (Toni Gage), Robert Englund (Jackson Roth), Brett Harrelson (Detective Steve Christian), Tucker Smallwood (Captain Churchill Robbins), Linda Cardellini (Genevieve Gage), Ivonne Coll (Rose Stravelli), Amy Smart (Angela Stravelli), Robert LaSardo (Matt Myers), Jillian McWhirter (Carol Anne Chalmers-Perez) sowie Amal Rhoe, Andy Cooper, Archie Smith, Lois Hicks, Carey Westbrook, Pat Mahoney, Barbara Champion, Xanthe Cook u.a. |
1998 war die Internet-Europhie noch nicht ganz so ausgeprägt wie heute, da war es noch nicht selbstverständlich, dass praktisch jeder Teenager seinen persönlichen Rechner mit Internet-Anschluss besitzt. Was heute praktisch unvorstellbar ist – die wüssten doch ohne Wikipedia gar nicht, wie sie ihre Hausaufgaben machen sollen. DEE SNIDER’S STRANGELAND war 1998 einer der ersten Filme gewesen, die auf die Gefahren, die so im Netz lauern, aufmerksam machen wollte. Was nicht ganz ohne unfreiwillige Komik abläuft und so schmunzelt man am Anfang von STRANGELAND über diese zwei liebestollen Teenie-Uschis, die sich im Chat mit jeder Menge leichtgläubiger Naivität, aber auch ganz viel Enthusiasmus den realen Treff mit dem Mann ihrer Träume erhoffen. Sagt doch die eine ganz erwartungsfroh: „Schon bald wird es möglich sein, Männer online zu treffen und Cybersex mit ihnen zu haben.“ Was für eine böse, böse Prophezeiung das 1998 gewesen sein mag. Dumm nur, wenn sich das erhoffte Date als Begegnung mit einem durchgeknallten Folterfritzen entpuppt, der seinen Opfern erst mal schön den Mund zunäht und sich dann an ihren Körpern mit seiner Piercing-Kunst ausprobiert. Captain Howdy nennt er sich, der uns in die Abgründe der Bodyart-Szene führen soll und von Dee Snider, dem Frontmann der Heavy-Metal-Combo Twisted Sisters, gespielt wird. Auf dessen Konto geht auch das um Realismus bemühte, aber letztendlich plakative Drehbuch, in dem er sich selbst die Rolle des Irren auf den gepiercten und zutätowierten Leib schrieb. Der ermittelnde Detective Gage (Kevin Gage, MAY) wird zusammen mit seinem Partner Steve (Woody Harrelson’s Bruder Brett Harrelson, FROM DUSK TILL DWAN 2) auf den Fall der beiden vermissten Freundinnen angesetzt. Ein Auftrag, der ihm auch persönlich zusetzt, handelt es sich doch auch um seine Tochter Genevieve (Linda Cardellini, die von 2003 an in EMERGENCY ROOM als Schwester Taggart zu sehen ist), die mit entführt wurde. Nach einem Misserfolg kann Gage sie schliesslich aus den Fängen des Sadisten in seinem mit Ketten und Käfigen ausgestatteten Folterkeller ausfindig machen und befreien. Er überwältigt Captain Howdy und läßt ihn verhaften. Da man bei ihm einen Knacks in der Psyche diagnostiziert, wird er für schuldunfähig erklärt und, sehr zur Empörung in der Öffentlichkeit, in eine Anstalt eingewiesen. An und für sich greift STRANGELAND ein brisantes, heikles und leider eben auch aktuelles Thema auf, das der Frage nachgeht, ob Sexualstraftäter nach diversen Therapien und bestandener Resozialisierung wieder frei in die Gesellschaft entlassen werden dürfen. Viel eindringlicher und psychologisch glaubwürdiger ging Nicole Kassell mit dem ernsten Thema in ihrem aufwühlenden Drama THE WOODSMAN (2004) um, in dem Kevin Bacon einen verurteilten Pädophilen verkörperte, der nach 12jähriger Haft von den Dämonen seiner Vergangenheit eingeholt wird und sich den Anfeindungen der Gesellschaft ausgesetzt sieht. Da den Machern eine derart ernste Abhandlung ganz sicher nicht vorschwebte, blieb ihnen nur die Flucht in haarsträubende Übertreibungen übrig. Dabei musste sich die Heavy-Metal-Charge Dee Snider unbedingt mit schauspielerischer Wandlungsfähigkeit anbiedern, etwa wenn er sich nach vierjährigem Anstaltsaufenthalt vom irren Piercing-Psychopathen zum frommen Bibelwurm gewandelt hat. Kaum in die Freiheit entlassen, wird er von einem wütenden Mob aufgelauert, der auch noch von „Freddy Krueger“ Robert Englund angeführt wird. Da die Justiz ihrer Meinung versagte, muss eben das Volk Recht und Gesetz in die Hände nehmen – und die Dinge nehmen ihren Lauf… Internet-Kriminalität, Resozialisierung von Sexualstraftätern, Selbstjustiz – ob es in Sniders Drehbuch wirklich nur um die reine Exploitation-Ausbeutung ging, sei einmal dahin gestellt, zumindest greift es aktuelle Themen auf, die aber in ihrem realen Schrecken den Film, trotz einiger harscher Foltereinlagen, relativ „harmlos“ erscheinen lassen. Gerade weil er so reißerisch konzipiert wurde und unter seiner mäßigen Umsetzung leidet, bei der sich gesellschaftskritische Anspielungen nur in einigen halbherzigen, oberflächlichen Floskeln in Sachen Bürgertum, Lynchjustiz und Doppelmoral wiederfinden. Das sich dabei die Grenzen zwischen Gut und Böse verschieben und der geheilte (?) Captain Howdy nach der Mob-Attacke selbst zum Opfer wird, hätte man ebenfalls überzeugender herausarbeiten können. Gerade in Bezug darauf, dass sich Captain Howdy schon allein durchs sein Aussehen von der Gesellschaft abgestempelt sieht, fragt man sich, inwieweit Snider’s Drehbuch autobiografische Züge aufweist und er sein Seelenleben damit aufgearbeitet hat. Man kann nicht behaupten, die Macher hätten sich keine Gedanken gemacht, doch leider wurden die einzelnen Handlungsteile dramaturgisch ungeschickt miteinander verknüpft. Zudem läßt John Pieplow jegliches inszenatorische Geschick vermissen und kann in seiner biederen Regie bestenfalls beweisen, dass Atmosphäre, Szenenübergänge und Anschlüsse nicht zu seinen Stärken gehören. Da hilft es auch nicht, die Stimmung mit einem lärmenden Schrabbelmucke-Soundtrack (bei Dee Snider fast unerlässlich) aufzuheizen. Es wird schon seine Gründe haben, warum man von Pieplow als Regisseur nie wieder etwas hörte. STRANGELAND ist kein gänzlicher Totalausfall, aber unterliegt seinen großen Vorbildern DAS SCHWEIGEN DER LÄMMER und SIEBEN, mit deren Namen dieser Film hier beworben wurde, eindeutig: „Zwischen SIEBEN und DAS SCHWEIGEN DER LÄMMER liegt DEE SNIDER’S STRANGELAND.“ Nun ja. Wo ein Begriff wie „Folterporno“ erst noch erfunden werden musste, bleibt der Fokus auch nur auf diverse Folterszenen gerichtet, in denen Captain Howdy seine Opfer auf kreative Weise mit Nadel und Faden verziert. Den guten, alten Robert Englund zog es damals auf seine Tage auch auf die Folterbank – und das Ganze nackich, bitteschön!
Weitere Rollen haben Elizabeth Pena (JACOBS LADDER) als Detective Gage’s Ehefrau sowie Tucker Smallwood als sein Vorgesetzter. Smallwood hatte wiederkehrende Rollen in SPACE 2063 und STAR TREK – ENTERPRISE und war darüber hinaus u.a. in DEEP IMPACT, THE ONE, EVAN ALLMÄCHTIG, SNOOP DOGG’S HOOD OF HORROR und PLANE DEAD zu sehen gewesen. Jillian McWhirter (THE DENTIST 2) spielt kurz eine aufdringliche TV-Reporterin und Amy Smart (ROAD TRIP; CRANK) ist auch mit dabei.
EATEN ALIVE (1976) C.H.U.D. II – BUD THE CHUD (1988) TOBE HOOPER’S LIVING NIGHTMARE (1993) THE MANGLER (1995) WISHMASTER (1997) DÜSTERE LEGENDEN (1998) PYTHON (2000) FREDDY VS. JASON (2003) HATCHET (2006)
„STRANGELAND ist ein starker Film, der ob seiner sadomasochistischen Darstellungen oft zu Unrecht als effekthascherischer Slasher-Film missinterpretiert wurde. Doch das Gegenteil ist der Fall, Snider setzt die intensiven Bilder zu keiner Zeit zum Selbstzweck ein, sondern stets, um die Motivation seines Antagonisten zu erklären.“ (Marcus Menold, VIRUS #23)
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