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Cannibal Holocaust
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Veröffentlicht in : Filme, C

CANNIBAL HOLOCAUST

„Aus Jägern werden Gejagte, aus scheinbar zivilisierten Menschen Bestien.“ (Verleih-Werbung) 

I 1980 / O: „Cannibal Holocaust“ / AT: „Nackt und zerfleischt“ / Laufzeit: 92 Min. (uncut) / FSK: ??? 

Regie: Ruggero Deodato / Musik: Riz Ortolani / Kamera: Sergio D’Offzi / Schnitt: Vincenzo Tomassi / Prod.: Franco Di Nunzio, Franco Palaggi / Buch: Gianfranco Clerici 

Darsteller: Robert Kerman (Prof. Monroe), Gabriel Yorke (Alan Yates), Luca Barbareschi (Mark Tomaso), Perry Pirkanen (Jack Anders), Francesca Ciardi (Faye Daniels), Salvatore Basile (Chaco), Ricardo Fuentes (Felipe) sowie Paolo Paoloni, Pio Di Savoia, Luigina Rocchi u.a.

Traumhaft schöne Bilder vom Amazonas, unberührte Natur, was für eine Idylle. Bis der Schrecken der Zivilisation sich breit machte – in Gestalt italienischer Filmemacher. Das war 1980. 

Nach den anfänglichen Dschungelimpressionen mit der wunderschönen Reisebegleit-Musik von Riz Ortolani folgt ein harter Schnitt ins hektische Großstadtgewimmel von New York, wo uns ein Reporter mit knallharten Fakten konfrontiert. Da faselt er etwas vom Triumphe feiernden Fortschritt, dass die kühnsten Träume unserer Zivilisation wahr geworden sind und uns die Massenmedien mit Informationen, die wir gar nicht verarbeiten können, nur so vollstopfen – dabei war das Internet 1980 noch in weiter Ferne. Doch er spart nicht weiter mit erhellenden Erkenntnissen: So leben auf unserer guten, alten Erde sogenannte Wilde, „Menschen, deren gesellschaftliche Entwicklung noch aus der Steinzeit stammt; wir nennen sie: Primitive!“ Wer hier primitiv ist, das wird sich noch zeigen. Ein vierköpfiges, vom gefeierten Filmemacher Alan Yates angeführtes Reporterteam machte sich auf, um einen Dokumentarfilm über die Eingeborenen im noch unerforschten Dschungel vom Amazonas zu drehen, kehrte aber nie wieder zurück. Der Anthropologe Prof. Monroe (Robert Kerman) wird hinzugezogen, um die Vermissten ausfindig zu machen. 

Ja, wir sind mittendrin in DEM Kannibalenfilm schlechthin, der nach all den Jahren nicht nur zum Kontroversesten, sondern auch zum Widerwärtigsten gehört, was das italienische Exploitationkino hervorgebracht hat. Kultkino zum Kotzen.  

Wir sind immer noch in New York und wieder fegt uns ein harter Schnitt zurück ins pralle Dschungelleben, wo es sich ein paar Eingeborene gerade schmecken lassen (so knabbert eine Dschungelfrau an einer Hand herum), dabei aber von einem bewaffneten Militär-Trupp gestört und erschossen werden. Inzwischen wurde auch Prof. Monroe eingeflogen und entsprechend ausgerüstet macht man sich auf die Suche nach Alan Yates und seinem Team. Je weiter sie in die tiefe Dschungelregion vorstoßen, desto mehr Spuren entdecken sie von ihnen: ein Feuerzeug hier, eine Uhr da. 

Nach ca. 18 Minuten dann die erste grobe Widerwärtigkeit, die dem Film seinen schlechten Ruf einbrachte: ein Ameisenbär wird zum Abendessen aufgeschlitzt, die Innereien werden an den Eingeborenen, den man sich an der Leine hält, verfüttert. Die Schreie des kleinen Tieres – sie sind echt. In der nächsten Szene erleben wir die rituelle Bestrafung einer Ehebrecherin. Was dort geschieht, muss man nicht unbedingt schildern, offenbart aber eine gewisse Frauenfeindlichkeit der Macher. Irgendetwas müssen sie ihnen mal angetan haben, die Frauen. Oder war es die eigene Mutter? 

Monroe und seine Begleiter dringen weiter in tiefe Dschungelregionen vor, wobei sie auf diverse Eingeborenenvölker, die mal auf dem Boden der Tatsachen und mal auf Baumwipfeln leben, stoßen. Sie tun ihnen nichts, begegnen aber den Fremdlingen, den zivilisierten Menschen, mit Skepsis, Angst und Misstrauen. Monroe gönnt sich erst mal ein Bad und zwar nacksch, wie man in Sachsen zu sagen pflegt. Lassen wir ihn seine Beweggründe dafür selbst schildern: „Um sie etwas zutraulicher zu machen und sie aus der Reserve zu locken, habe ich mich ausgezogen und bin ins Wasser gegangen. Ich wollte ihnen zeigen, dass wir auch nur Menschen waren, genau wie sie.“ Ja, und was für welche!

Nun, ein Grüppchen kichernder Eingeborenen-Mädchen lässt sich bei so einem stattlichen Mannes-Anblick schnell aus der Reserve locken und gesellt sich zum neckischem Geplansche in der prallen Natur. Zusammen machen sie eine Runde FKK; der Herr Professor lässt sogar an seinem Pullermann rumspielen, um zu zeigen, dass auch alles echt ist. Danach wird er zum Eingeborenen-Diner eingeladen, wo er schmatzend ein paar frisch entnommene Organe herunter würgen darf. Dschungelcamp anno 1980, Guten Appetit! Alan Yates und seine Leute hat man inzwischen auch ausfindig machen können – zumindest das, was von ihnen übrig blieb… 

Nach dieser Gewissheit gibt’s wieder einen krassen Schnitt zurück nach New York. Monroe ist dem Filmmaterial heimgekehrt, mit dem er sich eine Erklärung für den Tod des Filmteams erhofft. Einschaltquoten geile Senderchefs drängen auf die schnelle Veröffentlichung, denn einen Monat später könnte das in unserer schnelllebigen Zeiten schon niemanden mehr interessieren. Während Monroe anfängt das gefundene Filmmaterial zu sichten, gibt es immer wieder Interviews mit Kollegen, Weggefährten und Familienangehörigen, die, rein menschlich gesehen, keine allzu hohe Meinung über die vier jungen Leute haben. In einem kleinen Vorführraum kommt die schreckliche Wahrheit über Alan Yates und sein Team ans Licht: was mit der Vergewaltigung eines Eingeborenenmädchen beginnt, endet schließlich damit, dass sie sich selbst und schließlich den Kannibalen zum Opfer gefallen sind.  

CANNIBAL HOLOCAUST endet damit, dass Prof. Monroe sich eine Pfeife ansteckt und die Frage stellt: „Haben wir nicht alle etwas kannibalisches an uns?“  

Eine scheinheilige Frage, die angesichts dessen, was man die mitunter abscheulichen, Menschen verachtenden 90 Minuten zuvor erleben „durfte“, wie die pure Heuchelei vorkommt. Der Kannibale in uns – er frisst sich so durch’s Leben. Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Die Gesellschafts- und Sozialkritik, die Regisseur Ruggero Deodato und Drehbuchautor Gianfranco Clerici vorschwebten: sie trifft sie schlussendlich selbst – und das mitten in die Fresse rein. Und wir? Wir (Ja, ich auch!) schauen uns das auch  noch an. Selbst die Kritiker und Moralkeulen schwingenden Gutmenschen, die diesen Film vielleicht zu Recht verdammten: sie haben auch nur hingeschaut und konnten den Blick, so schwer es ihnen auch gefallen sein mag, nicht abwenden. Und schon sind sie Ruggero Deodato damit auf den Leim gegangen. 

CANNIBAL HOLOCAUST ist ein hinterhältiges, dreckiges Stück Zuschauermanipulation, wobei die Idee, gefundenes (fiktives) Filmmaterial, als Film-im-Film sozusagen, einzubauen, so simpel wie genial ist. Clever, wie Deodato ist, hat er eben dieses Filmmaterial künstlich auf „alt“ getrimmt: zerkratzt, wackelig und verschmutzt, wodurch tatsächlich der Eindruck erweckt wurde, dass es im Dschungel gefunden wurde. Auch sein Spiel mit den wechselnden Realitätsebenen und dem fliegenden Ortswechsel verfehlt ihre Wirkung nicht, denn anhand einer rasanten Schnitttechnik wird hin und her „gezappt“: zwischen New York und dem Dschungel, zwischen wildem und zivilisierten Leben. Wobei eben dieses „Wilde“ und  „Zivilisierte“ auch noch einmal auf den Kopf gestellt wird, denn schließlich ist einzig und allein das Drehteam um Alan Yates, welches sich hier barbarisch verhält. Und das Drehteam um Ruggero Deodato, was die Darstellung der Eingeborenen und den komplett überflüssigen Tiertötungsszenen betrifft. In der Szene mit der Schildkröte zeigt das Medium Film seine hässlichste und widerwärtigste Fratze. Man ist gewillt, sie anzuspucken.   

Anhand des hier gefundenen Filmmaterials, das zum Schluss im Vorführraum für Sprachlosigkeit und blankes Entsetzen sorgt, findet sich der Zuschauer in der Rolle des zwanghaften Voyeuristen wieder. Was er da sieht, ist nur sehr schwer anzuschauen, teilweise unerträglich: Tierquälereien, brutale Morde, grausige Riten, Vergewaltigungen, Amputation, Kastration, Dschungelporno, Eingeborenen-Grimassen, Kannibalen-Mett, Fress-Orgien, das alles garniert mit menschlichen und tierischen Frischfleischzubereitungen. CANNIBAL HOLOCAUST ist ein Kotzbrocken von einem Film, die karnevaleske Ejakulation unter den filmischen Tabubrüchen. 

Da sich Ruggero Deodato damit brüstete, die Idee von BLAIR WITCH PROJECT fast 20 Jahre zuvor weggenommen zu haben (womit er nicht Unrecht hat), muss er sich auch dem Vergleich stellen. Und unterliegt diesem eindeutig. Weil Daniel Myrick und Eduardo Sánchez, angefangen von der geschickten Vermarktungsstrategie bis hin zur cleveren Aufbereitung, viel mehr daraus gemacht haben. Wo CANNIBAL HOLOCAUST einfach nur grauenerregend abscheulich ist, ist das BLAIR WITCH PROJECT wirklich gruslig. Zumal dieser Film ohne barbarische Zerfleischungsakte und – vor allem – ohne (reale!) Tiertötungssequenzen auskam. Ja, hier wurden vor laufender Kamera Tiere gequält und getötet. Deodato rechtfertigte sich damit, dass hier nur Tiere getötet wurden, die hinterher sowohl vom Drehteam als auch den Eingeborenen gegessen wurden. Mit diesem fragwürdigen Argument könnte man sich nun alles vor der Kamera erlauben. Doch auch die künstlerische Freiheit, auf die der unter Anklage gestellte Deodato schließlich pochte, rechtfertigen nicht solche Szenen. Darüber gibt es auch keine weitere Diskussion. Punkt. 

Zum Schluss noch dies: Die Leute regten sich, und das völlig zu recht, auf, wie die hier eingangs erwähnten „Primitiven“ dargestellt werden. Dabei lauern die Kannibalen mittlerweile überall. Nehmen wir nur die Einschaltquoten-Kannibalen, die im Fernsehen nach Frischfleisch gieren. Nackt und zerfleischt – so dürften sich, zumindest seelisch, die DSDS-Kandidaten fühlen, wenn sie dem Lagerkommandanten und gleichzeitigem Reichspopführer Dieter Bohlen zum Fraß vorgeworfen werden und ihre Schmach dann bei youtube öffentlich zu bestaunen ist. Soviel zu den oben erwähnten Massenmedien. In einem ganz anderen Dschungel dagegen, nämlich dem Dschungelcamp, werden unter der Aufsicht von Dirk Bauch und Sonja Fieslow, die RTL-Variante von Dick & Doof, ganz andere, barbarische Riten gepflegt. Wo man sich fragt, warum man das Maul von Barbara Herzsprung nicht mit Känguruhoden nur so vollstopft – damit sie selbiges endlich mal hält. Oder warum Désirée Nick Maden frisst – und nicht umgekehrt. Damit wäre diese Welt wenigstens etwas gerechter. 

   

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