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Death Proof
USA 2007 / O: „Death Proof“ / Prod.: Dimension Films / Laufzeit: 138 Min. (Kino) / FSK: ab 16 Regie, Kamera + Buch: Quentin Tarantino / Musik: Ennio Morricone, Jack Nitzsche, Pino Donaggio u.a. / Schnitt: Sally Menke / Ausf. Prod.: Bob & Harvey Weinstein / Prod.: Elizabeth Avellan, Robert Rodriguez, Erica Steinberg, Quentin Tarantino / Make-up-Effekte: Howard Berger, Gregory Nicotero Darsteller: Kurt Russell (Stuntman Mike), Rosario Dawson (Abernathy), Vanessa Ferlito (Arlene, „Butterfly”), Jordan Ladd (Shanna), Rose McGowan (Pam), Sydney Tamiia Poitier (Jungle Julia), Tracie Thoms (Kim), Mary Elizabeth Winstead (Lee), Zoe Bell (Zoe), Michael Parks (Texas Ranger Earl McGraw), James Parks (Edgar McGraw), Marley Shelton (Dr. Dakota McGraw Block), Quentin Tarantino (Warren, der Barkeeper), Eli Roth (Dov), Monica Staggs (Lanna Frank), Marcy Harriell (Marcy), Nicky Katt (Convenience Store Clerk), Helen Kim (Peg), Jonathan Loughran (Jasper), Marta Mendoza, Tim Murphy |
Das lang erwartete GRINDHOUSE-Projekt der Filmenthusiasten Tarantino & Rodriguez lief in den USA im Doppelpack – als Hommage auf das schmuddelige B-Movie-Kino der 70er Jahre, wo all die schlimmen, billigen, schmutzigen, brutalen, sexuell aufgeladenen Filme liefen, die die Beiden zu dem gemacht haben, was sie heute sind. Rodriguez drehte den Zombiefilm PLANET TERROR, sein Kumpel Tarantino steuerte die Frauen-Power-Actiongranate DEATH PROOF bei, unterbrochen von Fake-Trailern, die Rodriguez mit seinen Kollegen Edgar Wright, Rob Zombie und Eli Roth mit Spaß an der Freude fabrizierten. Dem alten Europa verwehrte man leider dieses Filmerlebnis: Hierzulande laufen DEATH PROOF & PLANET TERROR getrennt, auf die Trailer-Parade müssen wir komplett verzichten. Dafür sind dann die zwei Filme in längeren Versionen zu erleben. Seinen Titel DEATH PROOF verdankt Tarantinos Beitrag dem aufgemotzten Gefährt, mit dem sein Jugendidol Kurt Russell aufs Gaspedal drückt. Er tritt jedoch erst später in Erscheinung, zunächst lauschen wir den Gesprächen von Radiomoderatorin Jungle Julia (Sydney Potier’s Tochter Sydney Potier), die sich mit ihren Freundinnen Shanna (Jordan Ladd, CABIN FEVER; HOSTEL 2) und Arlene (Vanessa Ferlito) in einer schmucken Kneipe trifft. Ja, hier wird viel geredet, sehr viel sogar, eine halbe Stunde am Stück, mindestens. Schon allein deswegen kein Film für die Massen. Viele mokierten sich über diesen Endlos-Laber-Smalltalk; ich sage: Manchmal sollte man einfach nur zuhören, was andere zu sagen haben. Der dümmliche Vorwurf einiger inkompetenter Kritiker, es würden nur Frauen in Männerrollen agieren, ist vollkommen daneben, schon alleine deshalb, weil es sich hier um typische Frauengespräche handelt. Und es ist ein außerordentliches Vergnügen, ihnen dabei zuzuhören, denn einmal mehr hat hier Tarantino lebendige, interessante Figuren kreiert, denen er herrliche, wunderbare Dialoge in den Mund legt. Später stellt sich ihnen Stuntmen Mike (toll: Kurt Russell) vor – und sein Auto, das todsicher ist. Aufgemotzt, frisiert, anstatt einem Beifahrersitz gibt es eine ganz besondere „Fahrgastzelle“. Darin nimmt die schöne Barhockerin Pam (Rose McGowan, SRCEAM 2) Platz, die doch nur eine Mitfahrgelegenheit suchte. Eine Fahrt, direkt in den Tod. Denn Stuntmen Mike ist ein irrer Killer, der sein unheilvolles Stuntauto als Waffe einsetzt. Und auch auf die anderen Drei, auf Jungle Julia, Shanna und Arlene, hat er es abgesehen. Ihnen trifft der Tod mit besonders wuchtiger, brutaler Konsequenz. Eine drastische Szene, die einmal mehr die Folgen eines Frontalzusammenstosses zwischen Autos vor Augen führt… Ein Jahr später hat sich Stuntmen Mike vier weitere Frauen ausgesucht: Abernathy (Rosario Dawson, SIN CITY), Kim (Tracie Thoms) und Lee (Mary Elizabeth Winstead, FINAL DESTINATION 3; BLACK CHRISTMAS) treffen sich mit Stuntfrau Zoe Bell (spielt sich selbst!), um gemeinsam den Tag zu genießen. Und das werden sie! Stuntmen Mike hat nämlich nicht damit gerechnet, daß sie äußerst wehrhaft sind… Es ist wie eine Reise zurück in die Zeit, eine Zeit, die man nie miterleben durfte, eine Zeit, die Tarantino, mit der entsprechenden Liebe zum Detail, wieder auferstehen lässt – als stilechte Hommage an das Schundkino der 70er Jahre, dem vielleicht bedeutendsten Kino-Jahrzehnt. Und mit stilecht, meine ich stilecht: Kratzer, Dialogsprünge, Tonaussetzer, Bildgriesseln, schlampig geschnittene, holprige Übergänge, fehlende Szenen – da schrabbelt und knistert es, daß es eine wahre Freude ist. Schon der Vorspann ist ein wahres Fest, da ist es ein wenig verwunderlich, fast unpassend, daß DEATH PROOF augenscheinlich in der Gegenwart spielt; die Handy-Szene wirkt da eher deplatziert. In Zeiten aalglatter, überteuerter Hochglanz-Produktionen und gestochen scharfen DVD-Bildern ist es schon ein Erlebnis, mal so etwas schmutziges und zugleich schönes auf der Leinwand zu erleben, hat man doch tatsächlich das Gefühl, so einen 70er-Jahre-Trash-Knaller vor sich zu haben! Obwohl es alles andere als Trash-Gurken sind, die hier unentwegt zitiert werden, sondern Klassiker des Actionkinos: FLUCHTPUNKT SAN FRANCISCO (1971), KESSE MARY, IRRER LARRY (1974), BULLITT (1968)… Es wurde höchste Zeit, daß man endlich diese Filme filmisch entsprechend würdigt. Und das macht das Regiegenie Tarantino mit so einer liebevollen Hingabe, daß man gleich Lust auf jene Vorbilder hat, die ihn so sehr geprägt haben. Nach den oben erwähnten filmtechnischen Holpereien in der ersten Hälfte, wechselt der Film in der zweiten, nach einem Schwarz/weiss-Ausfall, zu knallig-bunten Farben über, die (jetzt wieder in Hochglanz) mit der besten Auto-Verfolgungsjagd endet, die ich jemals im Kino gesehen habe – und das von Hand gemacht, ohne den üblichen CGI-Schnickschnack! Brutal, dynamisch, mitreißend! Scheiß auf 2 FAST 2 FURIOS! Der Vorwurf des Immergleichen und das Gesülze darüber, daß Tarantino sich ständig wiederholt, ist unverständlich, aber insofern nachvollziehbar, wenn Tarantinos Vorbilder, denen er immer und immer wieder Tribut zollt, eben nicht unbedingt die Sorte von Film ist, die seriöse, gebildete Filmkritiker bevorzugen. Dem einflussreichen B-Movie-Kino mit all seinen Exploitation-Auswüchsen kann man gar nicht genug Tribut zollen. Wenn man zurück blickt, so bescherte Tarantino uns jedes Mal ein neues, berauschendes und innovatives Filmereignis, das der üblichen Dramaturgie trotzte. Das Tarantino-Kino macht immer Spaß, schon allein deshalb, weil er ein weiteres Mal auf gängige Seh- und Erzählgewohnheiten verzichtet. Der Mann hat wenigstens eine eigene Handschrift, daß kann man von 50% aller Regisseure jedenfalls nicht behaupten. Es mag sein, daß einige mit dem vielen Gerede in seinen Filmen nichts anfangen können, doch wo die einen zu jaulen anfangen, da freuen sich die anderen. Auch DEATH PROOF ist gespickt mit (diesmal besonders) langen Dialogen und Monologen über Männer, Frauen und Filme, abgerundet mit ganz vielen Zitaten, Anspielungen, Insider-Gags, modischen Accessoires, heißen Tanzeinlagen und musikalischen Raritäten. So gibt es nicht nur flotte Rhythmen von Willy DeVille und Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich, sondern auch wunderbare Melodien, die sich Tarantino von den Soundtrack-Legenden Ennio Morricone, Pino Donaggio und Jack Nitzsche borgte. Und immer sichtbar im Hintergrund die obligatorischen Posterfetzen, die auf die Existenz obskurer Billigproduktionen hinweisen. In Sachen Filmkunst und -musik ist Tarantino wie ein Wiederentdecker und Wiedererwecker. Und auch hier gibt es so einige Momente, die sich einem regelrecht ins Gehirn einhämmern. DEATH PROOF ist Liebhaber-Kino. - Ein kultiges Wiedersehen gibt es mit dem brillanten Michael Parks und seinem unnachahmlichen Texas Ranger Earl McGraw, den wir ja bereits aus FROM DUSK TILL DAWN und KILL BILL Vol. 1 kennen. Seinen Sohn James hat er auch gleich mitgebracht, der wiederum als Earl McGraws Sprössling Edgar zu erleben ist.
- „Emanzipatorische Coolness, rasante Action, brillant geschriebene Dialoge: Baby, you can drive my car!” (Alex Attimonelli, CINEMA 08/07)
- „Und so wird diese Hommage an das Grindhouse zur überraschend sensiblen Abhandlung über Konzepte des Männlichen und des Weiblichen, die im Film der letzten Zeit wohl nirgendwo besser lesbar wurden als auf den knisternd gedoubelten Oberflächen von Tarantinos Exploitation-Kino.“ (Jörg Peter Löblein, SÄCHSISCHE ZEITUNG, 19.07.2007)
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