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Stunde der grausamen Leichen, die
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DIE STUNDE DER GRAUSAMEN LEICHEN

Die Stunde der grausamen Filme 

E 1973 / O: „El Jorobado de la Morgue“ / AT: „Hunchback of the Morgue”; „The Hunchback of Rue Morgue“; „Rue Morgue Massacres” / Prod.: Eva Film S.L.; F. Lara Polop Prod. Madrid 

Regie: Javier Aguirre / Buch: Jacinto Molina / Musik: Carmelo Bernaola / Kamera: Raul Perez Cubero 

Darsteller: Paul Naschy [alias Jacinto Molina] (Gotho), Rosanna Yanni (Elke), Vic Winner [=Victor Barrera =Víctor Alcázar] (Tauchner), Maria Perschy (Dr. Maria Marco; OV: Frieda), Alberto Dalbés (Dr. Orla), María Elena Arpón (Ilsa), Manuel de Blas, Antonio Pica (Polizisten) sowie Joaquin Rodriguez Kinito, Adolfo Thous, Angel Menendez, Fernando Sotuela, Antonio Ramis, Alfonso de la Vega, Sofia Casares, Antonio Mayans u.a.

Der Vorspann schunkelt uns mit seiner mitreißenden Polkamusik über Berge, Wiesen, Wälder und Täler hinein ins beschauliche Feldkirch, genau da, wo die Dinge des Grauens ihren Lauf nehmen. Und wo immer so eine Musik erklingt, wird sich der Experte und Kenner über das Grauen hinter den Gemäuern nur allzu bewusst sein. 

Wer wankt und schwankt denn da z.B. durchs Leben und die Straßen von Feldkirch? Es ist der bucklige Gotho (herausragend: Paul Naschy mit Chekov-Perücke), der sich mit seinem Buckel so durch’s Leben buckelt. Aufgrund seiner Missbildung und der gekrümmten Körperhaltung wird er auch schon mal als „Affe“ tituliert, was in dem Zusammenhang, dass man nämlich als Schauspieler bereit sein muss, sich zum „Affen“ zu machen, passt. Gotho hat es aber auch nicht leicht: von rotznasigen Kindern wird er ausgelacht und mit Steinen beworfen, während ihn die überheblichen Medizinstudenten auch schon mal niederprügeln. Doch unten im Leichenkeller kann er sich als irrer Pathologie-Gehilfe schön abreagieren: da schlitzt er Kehlen auf, schneidet Füße und Hände ab (vorzugsweise von denen, die ihn verspotteten) und trällert so vor sich hin: 

„Der Tod ist wie mein Bruder

Er lässt mich nicht allein

Und geht er sich ’ne Seele suchen

Da möchte’ ich bei ihm sein.“ 

Doch dann kümmert sich Gotho auch noch rührend um die todkranke Ilsa (María Elena Arpón, das erste Opfer aus DIE NACHT DER REITENDEN LEICHEN), seine große, heimliche Liebe, die er mit Blumen beschenkt und als mobilitätseingeschränkte Person (Bahn-deutsch für Rollstuhlfahrer) durch die Gärten des Hospitals fährt. Aber eines Tages, als er sie an ihrem Krankenbett besuchen will, hat sie ihre Augen für immer geschlossen. Er schnappt sich ihren Leichnam und bringt sie zu sich nach Hause, einem geheimen, unterirdischen Kellerlabyrinth, das einst als Folterkammer diente.

Das wiederum ruft den irren Dr. Orla (Alberto Dalbés) auf den Plan, einer derjenigen Forscher, die von der fixen Idee besessen sind, künstliches Leben zu erschaffen… natürlich nur im Dienste der Menschheit und der Wissenschaft. In dem unterirdischen Gewölbe kann er seine Experimente ungestört fortsetzen, zumal ihm das Sanatorium von Feldkirch unter Leitung von Dr. Marco (Maria Perschy!) jedwede Unterstützung gestrichen hat. Orla kann Gothos Hilfe nur allzu gut gebrauchen, schließlich benötigt er für seine Forscherarbeit immer neues Leichenmaterial, welches der naive Bucklige in dem Glauben, das er seine geliebte Ilsa vom guten Doktor wieder zurück bekommt, ohne mit der Wimper zu zucken für ihn beschafft. Da ist es schon abzusehen, dass die Dinge bald vollkommen aus dem Ruder laufen…   

Vorbei an Ruinen und durch schmuddelige Gassen geht’s die Treppen hinab in dunkle Gänge, Kammern und Gewölbe in den spanischen Horrorfilm der 70er Jahre, den Jacinto Molina (NACHT DER VAMPIRE, 1970; REBELLION DER LEBENDEN LEICHEN, DER TOTENCHOR DER KNOCHENMÄNNER, beide 1972) so entscheidend mitgeprägt hat. Er selbst schrieb sich (bzw. seinem Alter ego Paul Naschy) diese tragische Rolle auf den Leib (bzw. den Buckel), nur weiß man beim Anblick von Gotho eben nicht, wer bemitleidender ist: die Figur oder der Schauspieler dahinter? In diesem Fall: alle beide. Paul Naschy meistert das mit Würde und darstellerischem Durchhaltevermögen und zeichnet diesen Gotho als letztendlich tieftraurigen, unglücklich verliebten, aber nichts desto trotz romantisch veranlagten Meuchel- und Metzger-Melancholiker, dessen Naivität von einem skrupellosen Wissenschaftler ausgenutzt wird. Zweifellos eine seiner besten Rollen.  

DIE STUNDE DER GRAUSAMEN LEICHEN, dessen deutscher Titel wohl Assoziationen zum spanischen Horror-Hit DIE NACHT DER REITENDEN LEICHEN herstellen sollte, ist eine wunderbar haarsträubende Verquickung aus DER GLÖCKNER VON NOTRE DAME und FRANKENSTEIN’schen Motiven, insbesondere denen aus der Hammer-Film-Ära. Alles ist irgendwie morbide, verfallen und modrig, wodurch der Film auch seine Atmosphäre erhält. Stellvertretend für den professionellen Dilettantismus, der von Javier Aguirre’s obskurem Trash-Werk ausgeht, sei nur der chaotische Schnitt genannt, der sogar ungeschnitten wie geschnitten, bzw. zerschnitten, aussieht und genauso holprig ist wie die wirren Handlungssprünge und Szenenwechsel. So gibt’s mal zwischendurch einen spontanen Schwenk hinein in die Frauenstrafanstalt von Feldkirch, wo einige Insassinnen sich gegenseitig auspeitschend die Zeit totschlagen. Das sind dann jene Momente des Lebens, die man im RTL-Lesbenknast, deren Macher „Hinter Gittern“ gehören, ausgeklammert hat, worauf sich aber der anspruchsvolle Genre-Kenner, dem Exploitation-Kino der 70er Jahre entsprechend, über diese kleine Folter-Einlage drauf freuen kann.  

Mit kruden Details wird sowieso nicht gezögert: Wenn Gothos unsympathische Leichenschauhaus-Kollegen die Halskette der toten Ilsa klauen wollen, braucht er nur einmal kurz zulangen und schon purzelt ein abgetrennter Kopf über den Boden oder die Därme quellen hervor. So geht das im spanischen Horrorfilm der frühen 70er Jahre. Im Katakomben-Labor von Dr. Orla, schön ausgestattet mit piepsenden Apparaturen und Folter-Instrumenten von anno dazumal, geht’s derweil auch hoch her: dessen künstliche Lebensform entpuppt sich als ein Bottich mit „plasmoiden Zellen“, dessen Inhalt aussieht wie eine Spezialität aus der Suppenbar auf der Riesaer Hauptstraße: Flecke süß-sauer. Daraus steigt dann, im großen Finale, ein gar grässliches Gelee-Monster empor, das jede Menge Radau macht. Ein blubberndes Säurebad findet auch mehrmals effektiv Verwendung: Das bekommen Orla’s Helfer zu spüren, als sie den halb verwesten Leichnam von Ilsa entsorgen. In einer späteren, recht bizarren Szene darf der eine Beinahe-Zombie den anderen huckepack durch die Katakomben schleppen und Klinikchefin Maria Perschy erschrecken.

Bei all den schrecklichen Dingen gibt es, trotz des Todes von Ilsa, auch für einen wie Gotho Geborgenheit und Zuneigung: Mit den Worten „Liebe ist immer wichtiger als Schönheit“ lässt Krankenschwester Elke (Rosanna Yanni, die zusammen mit Naschy 1968 in DIE VAMPIRE DES DR. DRACULA ihr Horrorfilm-Debüt gab) ihren romantisch-perversen Gefühlen freien Lauf, worauf dieser ihr die Füße abschlabbert. Wie sang später Rosenstolz? „Lass’ es Liebe sein...“  

Javier Aguirre’s Hang zum Grotesken und Bizarren dürfte in dieser Form wohl nur Euro-Trash-Fans begeistern. Die werden aber in diesem schundig-stimmungsvollen Schenkelklopfer bestens bei Laune gehalten, denn bei all den Zutaten kommt nun wahrlich keine Langeweile auf.  

  • Bei den europäischen Horrorfilmen der 70er gab es immer wieder Gerüchte, dass (angeblich) echte Leichen(teile) Verwendung fanden (SADO – STOSS DAS TOR ZUR HÖLLE AUF) und mehr als berechtigte Vorwürfe darüber, dass Tiere leiden mussten (CANNIBAL HOLOCAUST). Hier trifft es tatsächlich zu: Für eine Szene, in der ein Kopf abgetrennt werden musste, gab es die Genehmigung, eine echte Leiche zu benutzen. Trotz Whisky-Konsum konnte sich Naschy nicht überwinden und so wurde schließlich doch ein künstlicher Kopf benutzt, wie unschwer zu erkennen ist. Dafür sind dann die Szenen mit den Ratten, die über Ilsa’s Leichnam herfallen und von Gotho bei lebendigem Leib verbrannt werden, umso echter. Damals ging das noch in Ordnung, es gab, zumindest in Spanien, kein einheitliches Tierschutzgesetz.    

  • Alberto Dalbés (1922-1983) gehörte auch mit zum Stamminventar in den Werken des Jess Franco: allein 1972 war er in DAUGHTER OF DARCULA, BLUTGERICHT DER GEQUÄLTEN FRAUEN, DIE NONNEN VON CLICHY und NACHT DER OFFENEN SÄRGE zu sehen. Die österreichische Schauspielerin Maria Perschy (1938-2004) kennen Euro-Trash-Fans u.a. aus KOMMISSAR X – JAGD AUF UNBEKANNT (1966), DIE FOLTERKAMMER DES DR. FU MAN CHU (1969, Jess Franco) und DAS GEISTERSCHIFF DER SCHWIMMENDEN LEICHEN (1974)   
  • „Trotz der offensichtlich spekulativen Ausbeute der blutrünstigen Geschichte zeigt sich in DIE STUNDE DER GRAUSAMEN LEICHEN einmal mehr, daß guter Horror mit wenig Aufwand, aber visuellem Fingerspitzengefühl zu bewerkstelligen ist.“ (Frank Trebbin, DIE ANGST SITZT NEBEN DIR) 

  • „Die tendenziöse, lieblos zusammengeschusterte Story, Aguirres ambitionslose Regiearbeit, sowie die unprofessionellen Masken und dilettantischen Schockeffekte lassen freilich keinen weiteren Vergleich zu den genannten Vorbildern zu.“ (Harry Lieber, HÖLLE AUF ERDEN)

  • „Geschmackloses „Trash-Movie“, in dem unter anderem lebende Ratten mit Benzin getränkt und angezündet werden.“ (LEXIKON DES INTERNATIONALEN FILMS) 

Eine richtig schmucke, auf 3000 Stück limitierte DVD-Veröffentlichung in Form eines Buches bekam dieses Naschy-Meisterwerk von Anolis verpasst:

Bild:                 1:1,85 (anamorph 16:9)

Tonformate:       Deutsch 2.0 Mono

                       Englisch 2.0 Mono

                       Spanisch 2.0 Mono

Untertitel:         Deutsch (ausblendbar)

TV-Norm:          PAL

Regionalcode:    2

Verpackung:      Digipack (in Form eines Buches)

Laufzeit:           79 Min.

Freigabe:          ungeprüft (indiziert) 

Extras: 

Audiokommentar mit Paul Naschy in deutsch (!!!); optionale engl. UT

Einleitung durch Paul Naschy (in dt.)

Deutsche Super-8-Version

Paul Naschy zu Gast beim geheimnisvollen Filmclub Buio Omega

Reise nach Feldkirch: 30 Jahre danach

Trailer

Spanische Titelsequenz

US-Titelsequenz

Bildergalerie

Nackt oder nicht nackt?

Filmprogramm & Werbeflyer

32seitiges Booklet

Filmografie Paul Naschy (darin als Easter Egg versteckt: diverse Trailer) 

  

   

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