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Das Parfum Die Geschichte eines Mörders D / F / E 2006 / AT: „Perfume: The Story of a Murderer / Prod.: Constantin Film, Castelao Producciones S.A., Ikiru Films S.L., Nouvelles Éditions de Films, VIP Medienfonds 4 Regie: Tom Tykwer / Musik: Tom Tykwer, Johnny Klimek, Reinhold Heil / Kamera: Frank Griebe / Schnitt: Alexander Berner / Ausf. Prod.: Martin Moszkowicz, Andreas Schmid, Andreas Grosch, Manuel Malle, Samuel Hadida, Julio Fernández / Prod.: Bernd Eichinger / Buch: Andrew Birkin, Bernd Eichinger, Tom Tykwer nach dem Roman von Patrick Süskind Darsteller: Ben Wishaw (Jean-Baptiste Grenouille), Alan Rickman (Antoine Richis), Dustin Hoffman (Giuseppe Baldini), Rachel Hurd-Wood (Laura Richis), Karoline Herfurth (Mirabellen-Mädchen), Jessica Schwarz (Natalie), Corinna Harfouch (Madame Arnulfi), David Calder (Bischof von Grasse), Simon Chandler (Bürgermeister von Grasse), Sian Thomas (Madama Gaillard), Richard Felix (Magistrat), Birgit Minichmayr (Grenouille’s Mutter), Paul Berrondo (Dominique Druot), Timothy Davies (Chenier), Sam Douglas (Grimal), John Hurt (Erzähler), Otto Sander (Erzähler, deutsch) sowie Andrés Herrera, Reg Wilson, Harris Gordon, Sara Forestier, Alvaro Roque, Michael Smiley, Carlos Gramaje, Perry Millward u.a. So ein Müllfilm! Was wurde nicht alles für Müll, Schlamm und Dreck zusammen gekarrt, um ein besonders schmutziges und schmuddeliges Paris für die große Kinoleinwand zu kreieren. Und was haben sich nicht die Leute von DAS PARFÜM eindieseln und vernebeln lassen, sind auch alle brav ins Kino gegangen, so wie es die vielen wochenlangen und überschwänglichen Medienberichte lange vor Kinostart verlangt haben. Das letzte Mal geschah das bei der Hitler-Schmonzette DER UNTERGANG (2004), bekanntermaßen auch eine Bernd-Eichinger-Produktion. Wer weiß, was für dubiose Klüngelschaften zwischen ihm und gewissen Medienvertretern bestehen. Ich meine, schließlich hat der Mann auch diese unsäglichen WERNER-Filme und die brachiale RESIDENT EVIL-Reihe mit seinen Geldern auf die Kinoleinwände gehievt, das sollte man auch nicht vergessen. Aber man soll ja nicht nachtragend sein, schließlich hat unser Bernd ja viel für den deutschen Film getan. Hier kommt also DAS PARFUM: eine richtig schweinisch teure Bestseller-Kinoadaption, galt bislang als unverfilmbar, aufwendig inszeniert, einer der teuersten europäischen Produktionen aller Zeiten, laut Cinema der teuerste deutsche Film aller Zeiten... Und was war unser braver Kinogänger verzweifelt: „Oje oh weh! Jetzt kommt dieser Film ins Kino und ich habe noch nicht mal das Buch gelesen!“ Dabei hat er, das ist aber wirklich nur eine vage Vermutung meinerseits, vielleicht noch nicht mal gewusst, das es da mal ein Roman gab, der „Das Parfüm“ hieß, wären da nicht diese wochenlangen und überschwänglichen Medienberichte gewesen, welche die Aufmerksamkeit auf Buch und Film lenken sollen. Die vielen Millionen Leser des Buchs können ja nicht für alle stehen. Aber es hat gefuchtet: Da sind wir extra nach Dresden gekutscht, um uns die zeitgleich laufende Trash-Granate SNAKES ON A PLANE reinzuziehen und dann fällt diese aus, weil sie wegen der großen Nachfrage zu DAS PARFUM mal eben kurzerhand einen zusätzlichen Kinosaal brauchten. All den braven Kinogängern wird dieser besondere Service sehr zugesagt haben, wer will schon ein Film mit entflohenen Killerschlangen an Bord eines Flugzeuges sehen? Die paar Hanseln... Und dann kam der eine oder andere brave Kinogänger nach dem Ende dieser über 40 Million Euro teuren, angeblich als unverfilmbar geltenden Bestsellerverfilmung aus dem Saal (die meisten sind eh wieder während des Abspanns aus dem Sessel gesprungen) mit der oberschlauen Feststellung: „Das Buch war aber besser gewesen.“ Was für eine Erkenntnis. Und dann noch diese Vergleichsanalysen: „War das im Buch drin gewesen?“ Jeder will mitreden. Ich weiß nicht, ob das Buch besser ist, weil: Hab’s gar nicht gelesen.
Nichts desto Trotz ging ich wirklich vollkommen vorurteilsfrei in diesen Film. Um über ihn schreiben zu können, muß ich ihn ja auch gesehen haben. Und ich habe es nicht bereut. Um die naheliegendste Metapher zu verwenden: Da hat unser Bernd einen verdammt guten Riecher gehabt. Vielleicht hat mir der Film sogar besser gefallen als so manchem verbiestertem Leser des Romans, der sich vom Medienrummel hat aufstacheln lassen, schnell noch das Buch überflog und praktisch nur zur Vergleichsanalyse ins Kino rannte – ohne aber Film (und Buch!) wirklich genossen zu haben. Bla. Mag auch sein, daß die vielen Millionen Leser, die dieses Buch wirklich lieben und schätzen, enttäuscht sein werden, weil doch wieder dies und das anders ausfiel. Aber Hand auf’s Herz: das ist ein Wagnis, das wir bei jeder Literaturverfilmung eingehen müssen. Manche unterscheiden da noch zwischen Literaturverfilmung und Bestsellerverfilmung, aber das ist ein anderes Thema. Seine stärksten und intensivsten Momente hat der Film in der ersten Hälfte: Grenouilles verhängnisvolle Geburt auf dem stinkenden Fischmarkt, seine harte Kindheit ohne jegliche Kindheit und schließlich seine Lehr- und Wanderjahre bei dem etwas abgetakelten Parfumeur Giuseppe Baldini, der seine beste Zeit längst hinter sich hat. Wunderbar, wie Dustin Hoffman dem heruntergekommenen, schrulligen Duftmixer Leben einhaucht: mal steht er schnarchend hinter seiner Ladentheke, inmitten all seiner angestaubten Duftwässerchen, dann wieder horcht er auf und seine Gesichtszüge gewinnen an Leben, wenn er sieht, wie virtuos Grenouille die bezauberndsten Düfte zusammenstellt. Jean-Baptiste Grenouille – der Herr der Düfte, der jeden Geruch auch über weite Entfernungen hin zurückverfolgen kann, aber doch selbst keinen eigenen besitzt. Er möchte den Duft der Unschuld konservieren, er möchte das perfekte Parfüm schaffen, auch wenn es das Leben vieler, unschuldiger Mädchen kostet. Der Ausgestoßene mordet, um geliebt zu werden. Ich hörte jemanden murmeln, Ben Wishaw sei keine überzeugende Besetzung gewesen, da Grenouille im Roman hässlicher, unmenschlicher und abstoßender war als auf der Leinwand. Alles andere als ein Sympathieträger. Mag sein, aber hier zählt eben nur das, was letzten Endes zu sehen ist – und in dieser Hinsicht meistert Wishaw die schwierige Rolle bestens. Schwierig deshalb, gerade weil er so wenig Text hat und somit ganz auf seine Körpersprache, auf Gestik und Mimik, angewiesen ist – und ausgezeichnet Gebrauch davon macht. Manch einer wird wahrscheinlich nicht wirklich eine emotionale Bindung zu Grenouille herstellen können, aber auch nur, weil dieser Charakter so unnahbar bleibt. Und weil man eben nie weiß, was in einem Mörder vorgeht und ihn zu seinen Taten treibt. Man weiß ja nicht mal, was in Menschen vorgeht, die keine Mörder sind. Ben Wishaw bringt mit seiner einfühlsamen Darstellung diesen Jean-Baptiste Grenouille, der vielleicht unschuldigste Mörder in der Filmgeschichte, dem Zuschauer nahe und läßt ihn teilhaben an seiner Welt, auch wenn sie fremd bleiben wird. Die lebendige, exzellente Kameraarbeit läßt uns aber dennoch in sie eintauchen und so gelang es Tom Tykwer tatsächlich, Gerüche visuell um zu setzten – man sieht sie förmlich riechen. Überhaupt lebt DAS PARFUM von seinen betörend schönen Bildern, es ist, als ob man durch eine Gemäldegalerie schreitet. Selbst die hässlich-schmuddelige Paris-Kloake besitzt mit einer gewissen morbiden Faszination betrachtet auf ihre Weise eine Schönheit, der man sich nur schwer entziehen kann. Gerade in jenen Momenten ist Tykwers atmosphärischer Film überraschend düster ausgefallen. Bilder des blanken Entsetzens, Bilder von Tod, Verfall und Auflösung und noch mehr unangenehme Bilder von schlechten, fauligen Zähnen, offenen, eitrigen Wunden und Krankheiten, die man nicht mal dem übelsten Filmkritiker an den Hals wünscht. So wars nun mal im Paris des 18. Jahrhunderts.
Als der Film schließlich zusammen mit Jean-Baptiste Grenouille in der zweiten Hälfte Paris in Richtung Grasse verlässt, verliert er zwischenzeitlich an Intensität, findet aber schnell wieder zu alter Kraft zurück. Mit dem Gesellenbrief von Meister Baldini in der Hand, hofft Grenouille in Grasse eine Möglichkeit zu finden, wie man Düfte konserviert. Und er wird den schönsten aller Düfte riechen: den Duft der schönen Laura (Rachel Hurd-Wood), die Tochter des reichen Kaufmannes Antoine Richis (Alan Rickman). Die Dinge nehmen ihren Lauf, ebenso wie die stetig steigende Anzahl toter Mädchen. Angst geht um in Grasse. Verriegelt die Türen, vernagelt die Fenster, ein Mörder geht um..! Am Ende, als sich alle lieb haben, hat der Film sogar etwas leicht provokantes: kirchliche Würdenträger, die sich, berauscht von diesem einen Duft, einer ausschweifenden Sex-Orgie hingeben. So viele nackte Menschen gibt’s sonst nur bei Spencer Tunick zu bestaunen. Ohne das Buch gelesen zu haben, bleiben für mich die Eindrücke eines sinnlichen Leinwand-Vergnügens, ebenso schön wie häßlich, manchmal auch traurig und surreal. Wahrlich ein großes Kinoereignis. Im nachhinein hab ich mich gern eindieseln lassen von DAS PARFUM. Das Buch muß wirklich sehr schön sein.
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Das Parfüm
Geschrieben von: Ich am 22-04-2007 06:53