Schlechter Geschmack: Die Welt ist zu schlecht für gute Filme
Home arrow Von Alien bis Zombie 16.05.2008
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Castle Freak

Stuart Gordons

CASTLE FREAK

                                        „Hideous… hungry… and loose!“ (Werbezeile)

 

USA/I 1995 / O: „Castle Freak” / AT: „Stuart Gordon’s Castle Freak” / Prod.: Full Moon Entertainment / Laufzeit: 92 Min. / FSK: ab 18 

Regie: Stuart Gordon / Musik: Richard Band / Kamera: Mario Vulpani / Schnitt: Bert Glatstein / Ausf. Prod.: Albert Band & Charles Band / Prod.: Maurizzio Maggi / Buch: Dennis Paoli / Story: Stuart Gordon & Dennis Paoli, inspiriert durch H. P. Lovecrafts Erzählung THE OUTSIDER 

Darsteller: Jeffrey Combs (John Reilly), Barbara Crampton (Susan Reilly), Jonathan Fuller (Giorgio), Jessica Dollarhide (Rebecca Reilly), Massimo Sarchielli (Giannetti), Elizabeth Kaza (Agnese), Luca Zingaretti (Forte) sowie Raffaella Offidani, Helen Stirling, A. S. Satta, Tunny Piras, Carolyn Gordon u.a.

Was für ein angespanntes Mutter-Sohn-Verhältnis: eine greise Schlossherrin stellt ihrem deformierten Kind, eine schwer entstellte Schreckensgestalt, die im Keller an Ketten gehalten wird, einen Napf Futter hin, ehe sie sich auf ihre Pritsche legt und die Augen für immer schließt. Die Kreatur bleibt – vorerst – allein zurück, doch sie wird sich den Nachmietern schon noch vorstellen…

                                                                                                                       

 

Die trudeln auch bald ein: Familie Reilly, die ihr Erbe, ein altes Schloss in Italien, antritt. Schon lange kriselt es zwischen den beiden Elternteilen John (Jeffrey Combs) und Susan (Barbara Crampton), denn vor neun Monaten steuerte John sturzbetrunken den Wagen, der Sohn J.J. das Leben kostete und Tochter Rebecca (Jessica Dollarhide) erblinden ließ. Beschäftigt mit ihrer eigenen schrecklichen Familientragödie, lernen die Reillys schon bald das furchtbare Geheimnis des Schlosses kennen. Die blinde Rebecca ahnt als Erste, daß sich noch ein Bewohner in dem alten Gemäuer befindet. Es ist der Castle Freak, der, nachdem er die Katze verspeiste, zu neuen Kräften gekommen ist und sich seiner Fesseln entledigt – in dem er sich den Daumen anknabbert. Natürlich bleibt es nicht beim Kätzchen und so muss eine Dorfnutte als erstes Opfer herhalten. Der Castle Freak beobachtete, wie John Reilly, der von seiner Frau keinerlei Liebe bekommt, über sie herfiel und will ihr es gleichtun – doch in seinem Wahn reißt er ihr nur die Brustwarzen ab. Und dann stehen die Reillys der Kreatur aus dem Keller gegenüber, die schon viel länger in diesem Schloss zu Hause ist…

                                                                                                                        

CASTLE FREAK besitzt schon mal allerbeste und vielversprechende Vorraussetzungen, denn zum dritten Mal trommelte Stuart Gordon (ROBOTJOX; FORTRESS; SPACE TRUCKERS) seine Hauptdarsteller Jeffrey Combs und Barbara Crampton, mit denen er seine zwei ersten und besten Filme RE-ANIMATOR und FROM BEYOND drehte, zusammen, um eine weitere Lovecraft-Geschichte filmisch entsprechend umzusetzen. Mit Gordon’s Stammautor Dennis Paoli, Komponist Richard Band und dessen Bruder Charles sowie Vater Albert Band als Geldgebern gesellten sich weitere Weggefährten dazu. CASTLE FREAK ist allerdings keine direkte Verfilmung, viel mehr eine Inspiration, in der Gordon und Paoli Lovecrafts hervorragende Kurzgeschichte „Der Außenseiter“ als Ausgangsbasis für ihren Film nahmen. Obwohl es dem Streifen nicht an Härte und blutigen Splatter-Effekte mangelt, geht es hier weniger phantastisch, sondern deutlich gemächlicher zu, erwartet uns doch hier letztendlich ein handfestes Familiendrama mit einer Kreatur, die spuckt, blutet, beißt und sabbert. Da sie ihr Leben lang nichts anderes außer Gewalt erfahren hat, ist sie nicht imstande, etwas anderes außer Gewalt weiterzugeben.

                                                                                                                      

Obwohl Jeffrey Combs in Interviews von miesen Drehbedingungen sprach und das bei Charles Band übliche Niedrig-Budget in jeder Einstellung zu sehen ist, tat dies der kleinen Produktion keinen Abbruch. Im Gegenteil: CASTLE FREAK mag altmodisch, schundig und billig daherkommen, aber es ist die schmuddelige Schäbigkeit, die viele Italo-Billigfilmchen aus den 70ern auszeichnete und wenn Gordons Werk darin erinnert, dann ist ihm schon mal ein goutierbarer Grusselhappen gelungen. Er fing die unheimliche, gruselige Stimmung des alten, riesigen Schlosses kongenial ein und entfacht dabei eine Atmosphäre, die Hollywoods aalglatte Mainstream-Ware wohl nie erreichen wird. Wer hier aber wie in RE-ANIMATOR und FROM BEYOND eine phantasievolle Handlung, entfesselte Spezialeffekte und schwarzen Humor erwartet, dürfte eher enttäuscht sein.

  • Das Schloss, in dem CASTLE FREAK spielt, gehört tatsächlich Charles Band. Dort entstand bereits 1990 MEISTER DES GRAUENS, mit Lance Henriksen, Oliver Reed und wiederum Jeffrey Combs und Jonathan Fuller 
  • Weitere Filme mit Jeffrey Combs:

       RE-ANIMATOR (1985)

         FROM BEYOND (1986)

         CYCLONE (1987)

         ROBOTJOX (1989)

         MUTRONICS (1991)

         FORTRESS – DIE FESTUNG (1993)

         LURKING FEAR (1994)

         VERDAMMT IM EIS (1997)

         ICH WEISS NOCH IMMER, WAS DU LETZTEN SOMMER GETAN HAST (1998)

         HAUNTED HILL (1999)

         FAUST – LOVE OF THE DAMNED (2001)

         FEAR DOT COM (2002)

         SHARKMAN – SCHWIMM UM DEIN LEBEN (2005)

         VOODOO MOON (2005)

         ABOMINABLE (2006)

         HAUNTED HILL - DIE RÜCKKEHR IN DAS HAUS DES SCHRECKENS (2007)

  • Viel ist von seinen früheren Splatter-Exzessen nicht übriggeblieben, aber für gepflegten Grusel und das eine oder andere Tröpfchen Blut ist Horrormeister Stuart Gordon immer noch gut.“ (CINEMA) 
  • „Die Story ist altbacken und sprüht nicht gerade vor Ideenreichtum. Die mittelprächtige Inszenierung steckt voll dramaturgischer Schwächen und erinnert in frappanter Weise an hinlänglich bekannte Italo-Schnellschüsse aus den 70ern.“ (Harry Lieber, HÖLLE AUF ERDEN) 

  • „Stuart Gordon hat seinen Job recht gut gemacht und einen B-Horrorstreifen abgeliefert, der ebenso schnörkellos wie brutal ist.“ (Frank Trebbin, DIE ANGST SITZT NEBEN DIR)
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Cannibal Holocaust

CANNIBAL HOLOCAUST

„Aus Jägern werden Gejagte, aus scheinbar zivilisierten Menschen Bestien.“ (Verleih-Werbung) 

I 1980 / O: „Cannibal Holocaust“ / AT: „Nackt und zerfleischt“ / Laufzeit: 92 Min. (uncut) / FSK: ??? 

Regie: Ruggero Deodato / Musik: Riz Ortolani / Kamera: Sergio D’Offzi / Schnitt: Vincenzo Tomassi / Prod.: Franco Di Nunzio, Franco Palaggi / Buch: Gianfranco Clerici 

Darsteller: Robert Kerman (Prof. Monroe), Gabriel Yorke (Alan Yates), Luca Barbareschi (Mark Tomaso), Perry Pirkanen (Jack Anders), Francesca Ciardi (Faye Daniels), Salvatore Basile (Chaco), Ricardo Fuentes (Felipe) sowie Paolo Paoloni, Pio Di Savoia, Luigina Rocchi u.a.

Traumhaft schöne Bilder vom Amazonas, unberührte Natur, was für eine Idylle. Bis der Schrecken der Zivilisation sich breit machte – in Gestalt italienischer Filmemacher. Das war 1980. 

Nach den anfänglichen Dschungelimpressionen mit der wunderschönen Reisebegleit-Musik von Riz Ortolani folgt ein harter Schnitt ins hektische Großstadtgewimmel von New York, wo uns ein Reporter mit knallharten Fakten konfrontiert. Da faselt er etwas vom Triumphe feiernden Fortschritt, dass die kühnsten Träume unserer Zivilisation wahr geworden sind und uns die Massenmedien mit Informationen, die wir gar nicht verarbeiten können, nur so vollstopfen – dabei war das Internet 1980 noch in weiter Ferne. Doch er spart nicht weiter mit erhellenden Erkenntnissen: So leben auf unserer guten, alten Erde sogenannte Wilde, „Menschen, deren gesellschaftliche Entwicklung noch aus der Steinzeit stammt; wir nennen sie: Primitive!“ Wer hier primitiv ist, das wird sich noch zeigen. Ein vierköpfiges, vom gefeierten Filmemacher Alan Yates angeführtes Reporterteam machte sich auf, um einen Dokumentarfilm über die Eingeborenen im noch unerforschten Dschungel vom Amazonas zu drehen, kehrte aber nie wieder zurück. Der Anthropologe Prof. Monroe (Robert Kerman) wird hinzugezogen, um die Vermissten ausfindig zu machen. 

Ja, wir sind mittendrin in DEM Kannibalenfilm schlechthin, der nach all den Jahren nicht nur zum Kontroversesten, sondern auch zum Widerwärtigsten gehört, was das italienische Exploitationkino hervorgebracht hat. Kultkino zum Kotzen.  

Wir sind immer noch in New York und wieder fegt uns ein harter Schnitt zurück ins pralle Dschungelleben, wo es sich ein paar Eingeborene gerade schmecken lassen (so knabbert eine Dschungelfrau an einer Hand herum), dabei aber von einem bewaffneten Militär-Trupp gestört und erschossen werden. Inzwischen wurde auch Prof. Monroe eingeflogen und entsprechend ausgerüstet macht man sich auf die Suche nach Alan Yates und seinem Team. Je weiter sie in die tiefe Dschungelregion vorstoßen, desto mehr Spuren entdecken sie von ihnen: ein Feuerzeug hier, eine Uhr da. 

Nach ca. 18 Minuten dann die erste grobe Widerwärtigkeit, die dem Film seinen schlechten Ruf einbrachte: ein Ameisenbär wird zum Abendessen aufgeschlitzt, die Innereien werden an den Eingeborenen, den man sich an der Leine hält, verfüttert. Die Schreie des kleinen Tieres – sie sind echt. In der nächsten Szene erleben wir die rituelle Bestrafung einer Ehebrecherin. Was dort geschieht, muss man nicht unbedingt schildern, offenbart aber eine gewisse Frauenfeindlichkeit der Macher. Irgendetwas müssen sie ihnen mal angetan haben, die Frauen. Oder war es die eigene Mutter? 

Monroe und seine Begleiter dringen weiter in tiefe Dschungelregionen vor, wobei sie auf diverse Eingeborenenvölker, die mal auf dem Boden der Tatsachen und mal auf Baumwipfeln leben, stoßen. Sie tun ihnen nichts, begegnen aber den Fremdlingen, den zivilisierten Menschen, mit Skepsis, Angst und Misstrauen. Monroe gönnt sich erst mal ein Bad und zwar nacksch, wie man in Sachsen zu sagen pflegt. Lassen wir ihn seine Beweggründe dafür selbst schildern: „Um sie etwas zutraulicher zu machen und sie aus der Reserve zu locken, habe ich mich ausgezogen und bin ins Wasser gegangen. Ich wollte ihnen zeigen, dass wir auch nur Menschen waren, genau wie sie.“ Ja, und was für welche!

Nun, ein Grüppchen kichernder Eingeborenen-Mädchen lässt sich bei so einem stattlichen Mannes-Anblick schnell aus der Reserve locken und gesellt sich zum neckischem Geplansche in der prallen Natur. Zusammen machen sie eine Runde FKK; der Herr Professor lässt sogar an seinem Pullermann rumspielen, um zu zeigen, dass auch alles echt ist. Danach wird er zum Eingeborenen-Diner eingeladen, wo er schmatzend ein paar frisch entnommene Organe herunter würgen darf. Dschungelcamp anno 1980, Guten Appetit! Alan Yates und seine Leute hat man inzwischen auch ausfindig machen können – zumindest das, was von ihnen übrig blieb… 

Nach dieser Gewissheit gibt’s wieder einen krassen Schnitt zurück nach New York. Monroe ist dem Filmmaterial heimgekehrt, mit dem er sich eine Erklärung für den Tod des Filmteams erhofft. Einschaltquoten geile Senderchefs drängen auf die schnelle Veröffentlichung, denn einen Monat später könnte das in unserer schnelllebigen Zeiten schon niemanden mehr interessieren. Während Monroe anfängt das gefundene Filmmaterial zu sichten, gibt es immer wieder Interviews mit Kollegen, Weggefährten und Familienangehörigen, die, rein menschlich gesehen, keine allzu hohe Meinung über die vier jungen Leute haben. In einem kleinen Vorführraum kommt die schreckliche Wahrheit über Alan Yates und sein Team ans Licht: was mit der Vergewaltigung eines Eingeborenenmädchen beginnt, endet schließlich damit, dass sie sich selbst und schließlich den Kannibalen zum Opfer gefallen sind.  

CANNIBAL HOLOCAUST endet damit, dass Prof. Monroe sich eine Pfeife ansteckt und die Frage stellt: „Haben wir nicht alle etwas kannibalisches an uns?“  

Eine scheinheilige Frage, die angesichts dessen, was man die mitunter abscheulichen, Menschen verachtenden 90 Minuten zuvor erleben „durfte“, wie die pure Heuchelei vorkommt. Der Kannibale in uns – er frisst sich so durch’s Leben. Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Die Gesellschafts- und Sozialkritik, die Regisseur Ruggero Deodato und Drehbuchautor Gianfranco Clerici vorschwebten: sie trifft sie schlussendlich selbst – und das mitten in die Fresse rein. Und wir? Wir (Ja, ich auch!) schauen uns das auch  noch an. Selbst die Kritiker und Moralkeulen schwingenden Gutmenschen, die diesen Film vielleicht zu Recht verdammten: sie haben auch nur hingeschaut und konnten den Blick, so schwer es ihnen auch gefallen sein mag, nicht abwenden. Und schon sind sie Ruggero Deodato damit auf den Leim gegangen. 

CANNIBAL HOLOCAUST ist ein hinterhältiges, dreckiges Stück Zuschauermanipulation, wobei die Idee, gefundenes (fiktives) Filmmaterial, als Film-im-Film sozusagen, einzubauen, so simpel wie genial ist. Clever, wie Deodato ist, hat er eben dieses Filmmaterial künstlich auf „alt“ getrimmt: zerkratzt, wackelig und verschmutzt, wodurch tatsächlich der Eindruck erweckt wurde, dass es im Dschungel gefunden wurde. Auch sein Spiel mit den wechselnden Realitätsebenen und dem fliegenden Ortswechsel verfehlt ihre Wirkung nicht, denn anhand einer rasanten Schnitttechnik wird hin und her „gezappt“: zwischen New York und dem Dschungel, zwischen wildem und zivilisierten Leben. Wobei eben dieses „Wilde“ und  „Zivilisierte“ auch noch einmal auf den Kopf gestellt wird, denn schließlich ist einzig und allein das Drehteam um Alan Yates, welches sich hier barbarisch verhält. Und das Drehteam um Ruggero Deodato, was die Darstellung der Eingeborenen und den komplett überflüssigen Tiertötungsszenen betrifft. In der Szene mit der Schildkröte zeigt das Medium Film seine hässlichste und widerwärtigste Fratze. Man ist gewillt, sie anzuspucken.   

Anhand des hier gefundenen Filmmaterials, das zum Schluss im Vorführraum für Sprachlosigkeit und blankes Entsetzen sorgt, findet sich der Zuschauer in der Rolle des zwanghaften Voyeuristen wieder. Was er da sieht, ist nur sehr schwer anzuschauen, teilweise unerträglich: Tierquälereien, brutale Morde, grausige Riten, Vergewaltigungen, Amputation, Kastration, Dschungelporno, Eingeborenen-Grimassen, Kannibalen-Mett, Fress-Orgien, das alles garniert mit menschlichen und tierischen Frischfleischzubereitungen. CANNIBAL HOLOCAUST ist ein Kotzbrocken von einem Film, die karnevaleske Ejakulation unter den filmischen Tabubrüchen. 

Da sich Ruggero Deodato damit brüstete, die Idee von BLAIR WITCH PROJECT fast 20 Jahre zuvor weggenommen zu haben (womit er nicht Unrecht hat), muss er sich auch dem Vergleich stellen. Und unterliegt diesem eindeutig. Weil Daniel Myrick und Eduardo Sánchez, angefangen von der geschickten Vermarktungsstrategie bis hin zur cleveren Aufbereitung, viel mehr daraus gemacht haben. Wo CANNIBAL HOLOCAUST einfach nur grauenerregend abscheulich ist, ist das BLAIR WITCH PROJECT wirklich gruslig. Zumal dieser Film ohne barbarische Zerfleischungsakte und – vor allem – ohne (reale!) Tiertötungssequenzen auskam. Ja, hier wurden vor laufender Kamera Tiere gequält und getötet. Deodato rechtfertigte sich damit, dass hier nur Tiere getötet wurden, die hinterher sowohl vom Drehteam als auch den Eingeborenen gegessen wurden. Mit diesem fragwürdigen Argument könnte man sich nun alles vor der Kamera erlauben. Doch auch die künstlerische Freiheit, auf die der unter Anklage gestellte Deodato schließlich pochte, rechtfertigen nicht solche Szenen. Darüber gibt es auch keine weitere Diskussion. Punkt. 

Zum Schluss noch dies: Die Leute regten sich, und das völlig zu recht, auf, wie die hier eingangs erwähnten „Primitiven“ dargestellt werden. Dabei lauern die Kannibalen mittlerweile überall. Nehmen wir nur die Einschaltquoten-Kannibalen, die im Fernsehen nach Frischfleisch gieren. Nackt und zerfleischt – so dürften sich, zumindest seelisch, die DSDS-Kandidaten fühlen, wenn sie dem Lagerkommandanten und gleichzeitigem Reichspopführer Dieter Bohlen zum Fraß vorgeworfen werden und ihre Schmach dann bei youtube öffentlich zu bestaunen ist. Soviel zu den oben erwähnten Massenmedien. In einem ganz anderen Dschungel dagegen, nämlich dem Dschungelcamp, werden unter der Aufsicht von Dirk Bauch und Sonja Fieslow, die RTL-Variante von Dick & Doof, ganz andere, barbarische Riten gepflegt. Wo man sich fragt, warum man das Maul von Barbara Herzsprung nicht mit Känguruhoden nur so vollstopft – damit sie selbiges endlich mal hält. Oder warum Désirée Nick Maden frisst – und nicht umgekehrt. Damit wäre diese Welt wenigstens etwas gerechter. 

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Cyborg 3

CYBORG 3

 

 USA 1994 / O: „Cyborg 3” / AT: „Cyborg 3 - The Recycler” / Prod.: Trimark Pictures / Laufzeit: 83 Min. / FSK: ab 18 

Regie: Michael Schroeder / Musik: Kim Bullard & Julian Raymond / Kamera:  Phil Parmet / Schnitt: Barry Zetlin / Ausf. Prod.: Diane Mehrez / Prod.: Alan Mehrez / Buch: Barry Victor, Troy Bolotnick, Straw Weisman 

Darsteller: Zach Galligan (Evans), Richard Lynch (Anton Lewellyn), Malcolm McDowell (Lord Talon), Khrystyne Haje (Cash), Andrew Bryniarski (Jocko), Michael Bailey Smith (Donovan), Evan Lurie (El Sid), William Katt (Decaf), Margaret Avery (Doc Edford), Bill Quinn (Hale), Rebecca Ferratti (Elexia), David McSwain (Ahab) sowie Barbara C. Adside, Debra Hall, Kato Kaelin  u.a

                                                                                                                                                                                                                                                        

90er-Jahre-Videotheken-Action-Ramsch vom allerfeinsten (bzw. allerschlechtesten) bietet Michael Schroeder in seinem zweiten CYBORG-Sequel, welches den Handlungsort von düster-dreckigen Dark-Future-Bauten in staubige Wüstensande verlegt. Mit GREMLINS- und WAXWORK-Star Zach Galligan, Trash-Schurke Richard Lynch (DIE BARBAREN; PUPPETMASTER 3; TRANCERS 2), William Katt (CARRIE – DES SATANS JÜNGSTE TOCHTER; HOUSE; HOUSE IV), Neuzeit-Leatherface Andrew Bryniarski (Michael Bays TEXAS CHAINSAW MASSACRE; THE CURSE OF EL CHARRO), Michael Bailey Smith (THE HILLS HAVE EYES; THE HILLS HAVE EYES II) und sogar Paradebösewicht Malcolm McDowell (UHRWERK ORANGE; STAR TREK – GENERATIONS) hat Regisseur Michael Schroeder eine attraktive B-Picture-Besetzung aufgegabelt, mit der er diesen zweiten CYBORG-Nachdrücker zumindest in dieser Hinsicht annehmbar gestalten konnte. Diesmal musste eine karge Wüsten-Einöde á la MAD MAX als preiswerte Endzeit-Kulisse herhalten, in der eine gewisse Khrystyne Haje (SCANNER COP II) die Rolle von Angelina Jolie aus dem zweiten Teil übernahm, was wohl damit zusammen hängt, dass Angie eine aufstrebende Filmkarriere als das Mitwirken in lausigen Billigfilm-Fortsetzungen bevorzugte. 

Die Story ist auch hier denkbar einfach gestrickt: Als die Androidin Cash (Khrystyne Haje) erfährt, daß sie schwanger ist, sucht sie den Cyborg-Klempner Evans (Zach Galligan) auf. Derweil heftet sich der glucksende Widerling Lewellyn (idealbesetzt: Richard Lynch), welcher alte Cyborg-Modelle recycelt (darum auch sein Spitzname Recycler), an ihre Fersen, weil er um jeden Preis an Cash`s Baby will... 

Was folgt, ist eine lahmarschige Dauerverfolgungsjagd, die nie so in richtig in Fahrt kommt und mit altbackenen Endzeit- und Actionfilm-Kamellen aufwartet, die von Pappnase Schroeder auf einfältige Weise reaktiviert werden. Wüstenstaub, Endzeitatmosphäre, heruntergekommene Locations mit allerlei Wellblechhütten- und Cyborg-Schrott, dazu noch ein paar Explosionen und Knochenbrecher-Kampfsporteinlagen: das ist aufgrund handwerklicher Mängel in der hier vorgetragenen Weise einfach zu wenig, um zu unterhalten. Für zusätzliche langatmige Momente sorgt der philosophisch verbrämte Erklärungsbrei, bestehend aus albernen, gestelzten  Dialogen, in denen über künstliche Wesen schwadroniert wird und die Macher Albert Pyun nacheifern wollten. Der kleisterte damit nicht nur den ersten CYBORG-Teil, sondern auch seine NEMESIS-Reihe damit zu. 

Unter den Darstellern kann lediglich Richard Lynch überzeugen, der in seinem Part als fieser Cyborg-Recycler so etwas wie Ausstrahlungskraft rüber bringt. Dagegen kann einem Malcolm McDowell, der hier als feiner Cyborg-Lord in einem nutzlosen Zehn-Minuten-Kurzauftritt verramscht wird, schon leid tun, wenn er seine Brötchen in minderbemittelten Produktionen wie diese hier verdienen muss. 

  • Weitere bislang besprochene Filme mit Malcolm McDowell: 

        TÖDLICHE VISIONEN (1990)

        FIST OF THE NORTH STAR (1994)

        HALLOWEEN (2007)       

  • „Malcolm McDowell mag seine Gründe für die Mitwirkung in diesem actionorientierten Endzeit-Science-Fiction-Schund gehabt haben, in dem zum ersten Mal eine Maschine schwanger wird. Irgendwelche Gründe sich dies anzusehen, gibt es keine.“ (HEYNE FILM JAHRBUCH 1997)
  • „Zu sehr erstarrt der Film in abgedroschenen Endzeit- und Action-Klischees und verbreitet bestenfalls gepflegte Langeweile.“ (Harry Lieber, HÖLLE AUF ERDEN)

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Cyborg 2: The Glass Shadow

C Y B O R G  2: THE GLASS  SHADOW

„Hütet Euch vor der Zukunft!“ (Werbezeile)

USA 1993 / O: „Cyborg 2 - The Glass Shadow” / Prod.: Trimark; Anglo American / Laufzeit: 95 Min. / FSK: ab 16  

Regie: Michael Schroeder / Musik: Peter Allen / Kamera: Jamie Thompson / Schnitt: David M. Richardson / Ausf. Prod.: Jeffrey Konvitz, Sharad Patel / Prod.: Raju Patel, Alain Silver / Buch + Story: Ron Yanover, Marc Geldman / SFX: KNB 

Darsteller: Elias Koteas (Colson „Colt“ Ricks), Angelina Jolie (Casella „Cash“ Reese), Jack Palance (Mercy), Billy Drago (Danny Bench), Karen Sheperd (Chen), Allen Garfield (Martin Dunn), Tracey Walter (Wild Card), Ric Young (Bobby Lin), Renee Griffin (Dreena) sowie Sven Thompson, Jim Youngs, Robert Dryer, John Durbin, Patrick O’Connell, Sheryl Mary Lewis, Alain Silver u.a.

 

Da sich Albert Pyun’s Billig-Klopper-Spektakel CYBORG bei seiner Zielgruppe zum Verleih-Hit in den Videotheken entwickelte, wurde vier Jahre später diese überflüssige Fortsetzung hinterher geschoben, in der wir Van Damme in einigen Rückblenden noch mal ertragen müssen. Ächz.  Ansonsten geht CYBORG II – THE GLASS SHADOW in eine andere Richtung, was schon mal gut ist, denn noch so`n Hau-drauf-Schinken hätt` ich nicht vertragen: 

Im Jahre 2074 wird die Erde von zwei Großkonzernen beherrscht. Beide konkurrieren um die neuesten Cyborg-Technologien: vom High-Tech-Soldaten bis zur Nutte wird der werten Kundschaft eine breite Palette geboten. Zur allerneusten Errungenschaft zählt ein eingebauter Selbstzerstörungsmechanismus, mit dem man die Cyborgs als ebenso lebende wie effektive Bomben missbrauchen kann. Die Berufsgattung „Selbstmordattentäter“ hätte damit ausgedient. „Glass Shadow“ nennt man diese neue Wahnsinnstechnologie, welche zu Beginn des Films demonstriert wird: eine Cyborg-Hure explodiert während des Orgasmus. Ein explosiver Höhepunkt kann man sagen, oder auch: es macht „Bums!“ beim bumsen.

Cyborg-Lady Cash (Angelina Jolie) soll entsprechend aufgerüstet werden, doch die verknallt sich lieber in ihren Kampfsportlehrer Colt (langweilig: Elias Koteas), was natürlich total verpönt ist. Beide treten die Flucht an, wobei sie nicht nur von feindlichen Killermaschinen, sondern auch von einem psychopathischen Kopfgeldjäger (Totales Over-Acting: Billy Drago) gejagt werden... 

CYBORG 2 kommt wie die Aldi-Version von BLADE RUNNER daher. Okay, man sollte Regisseur Michael Schroeder zugute halten, daß er zumindest versucht hat, diesem ansonsten überflüssigen Sequel seinen eigenen Stempel aufzudrücken. Er nimmt Abstand vom Handkanten-Gehaue aus Teil 1 und taucht sein Werk in eine finstere (preiswerte) Dark-Future-Kulisse ein, die ganze Klassen billiger ist als im unerreichten Vorbild, aber immerhin von Schroeder einigermaßen stimmig umgesetzt wurde. Allerdings wird schon der Eindruck erweckt, dass Schroeder mit der hier vorherrschenden Dunkelheit auf Krampf eine besonders düstere Atmosphäre kreieren wollte, die aber letztendlich nur das mangelnde Budget übertünchen soll. Von der unglaublich flachen, konfusen Geschichte kann er damit jedenfalls kaum ablenken, zumal auch er nicht an einigen eher holprig inszenierten Matial-Acts-Einlagen vorbeikam.  

Auch wenn die Rückblenden mit Van Damme uns etwas anderes eintrichtern wollen: die hier geschilderten Ereignisse haben so gut wie kaum etwas mit dem brachialen Vorgänger zu tun, zumal Schroeder’s futuristisch angehauchter Billig-Action-Murks alles andere als spannend oder mitreißend ist. Im direkten Vergleich hatte der erste Teil vom albernen Albert sogar mehr Charme gehabt als dieses eher triste Kuddelmuddel – und das will schon was heißen. Die relativ unspektakulären Baller- und Kampfszenen durch die immergleichen Hinterhof-Gegenden und Fußgänger-Tunnel werden wohl kaum Begeisterungsstürme auslösen. Die Titten von Angelina vielleicht schon eher. Hüstel, hüstel. 

Lustig anzusehen sind dagegen die (spärlichen) Auftritte vom legendären „Narbengesicht“ Jack Palance (Oscar für CITY SLICKERS!): Er selbst ist nur in den letzten 10 Minuten zu sehen, ansonsten präsentiert er seinen diabolisch grinsenden Schmunzelmund während der gesamten Laufzeit auf irgendwelchen flimmernden Bildschirmen, wo er Angelina-Baby Anweisungen zur Flucht erteilt. Bei der Flucht aus diesem Film hat sie sich aber vollkommen verirrt. 

  • Elias Koteas, hier noch ausgesprochen ausdruckslos (und zuvor noch in TURTLES III zu sehen), feierte ein Jahr darauf seinen Durchbruch als Detective und Ex-Priesteranwärter im Überraschungserfolg GODS ARMY (1994) von HIGHLANDER-Autor Gregory Widen. Mit guten Nebenrollen in großen und kleinen A-Produktionen blieb er gut im Geschäft, z.B. als irrer Perversling in David Cronenbergs verstörendem Auto-Sex-Schocker CRASH (1996), als der Küsser im Beziehungsreigen WACHGEKÜSST (1998, mit Holly Hunter und Danny DeVito), und natürlich als griechischer Offizier Staros in Terence Mallicks hochgelobtem Kriegs-Drama DER SCHMALE GRAT (1998). Weitere Auftritte absolvierte er u.a. in Bryan Singers umstrittener Stephen-King-Verfilmung DER MUSTERSCHÜLER, Gregory Hoblits teuflischem DÄMON (beide ebenfalls von 1998), Andrew Niccols düsterer Zukunftsvision GATTACA (1997), in LOST SOULS (2000), als zwielichtiger Agent im fürchterlichen COLLATERAL DAMAGE (2001) oder als Sergeant in David Fincher’s ZODIAC (2007). 

  • Angelina Jolie spielte je einmal an der Seite der AKTE X-Stars: Mit David Duchovny im geflopptem Medizin-Thriller PLAYING GOD (1997) und neben Gillian Anderson (und weiteren Stars wie Sean Connery, Gena Rowlands und Dennis Quaid) im ebenfalls wenig erfolgreichen, aber sehenswerten Episoden-Drama LEBEN UND LIEBEN IN L.A. (1998). Weitere Rollen hatte die Tochter des Schauspielers Jon Voight im CyberThriller HACKERS (1995), im düsteren Serienkiller-Thriller DER KNOCHENJÄGER  (1998), im Auto-Crash-Remake NUR NOCH 60 SEKUNDEN (1999), im Psycho-Drama DURCHGEKNALLT (1999), wo sie als ausgeflippte Patientin einen Oscar als beste Nebendarstellerin bekam, im aufregenden SKY CAPTAIN AND THE WORLD OF TOMORROW (2004), Oliver Stone’s eigenwilliger Geschichtsaufarbeitung ALEXANDER (2004), an der Seite von Britt Patt in MR. & MRS. SMITH (2005), DER GUTE HIRTE (2007) sowie dem Zemeckis-Totalflop DIE LEGENDE VON BEOWULF (2007). Weltbekannt dürfte sie aber als fleischgewordene Verkörperung von Lara Croft in Simon West’s Videospiel-Verfilmung TOMB RAIDER (2001) sein, der Jan de Bont 2003 ein Sequel (LARA CROFT TOMB RAIDER: DIE WIEGE DES SCHRECKENS) folgen ließ. 

  • Zweitligisten-Schurke Billy Drago blieb dem B-Movie treu und stolperte durch allerlei zweit- und drittklassige Genre-Heuler, was die Titel seiner Filme schnell vermuten lassen: ASTROCOP (1994), SCI-FIGHTER (1996), ATTACK ON THE DEVILS ISLAND (1997), CONVICT 762 (1998). 2006 mutierte er zu einem der Wüstenkannibalen in Alexandre Aja’s Remake THE HILLS HAVE EYES.

  • Tracey Walter stand in vielen unterschiedlichen Filmen vor der Kamera, u.a. neben CONAN – DER ZERSTÖRER (1984), auch BATMAN (1989) und CITY SLICKERS (1991), in denen ebenfalls Jack Palance mitwirkte. Jonathan Demme engagierte Walter in einigen seiner Werke: GEFÄHRLICHE FREUNDIN (1986), DAS SCHWEIGEN DER LÄMMER (1991) und PHILADELPHIA (1993). 

  • Michael Schroeder inszenierte Ende der 80er einige schräge Produktionen für und mit Paul Bartel: die makabre Slapstick-Posse BEI UNS LIEGEN SIE RICHTIG (1988) und den Telefon-Sex-Thriller MÄCHTE DES GRAUENS (1989), der mit Bud Cort, Karen Black, Tracey Walter und dem unvergessenen Travestie-Star und John-Waters-Weggefährten Divine hübsch besetzt ist. Weitere Regiearbeiten waren das Schlauchboot-Naturwildnis-Abenteuer DAMNED RIVER (1989) und der Rotlichtmilieu-Thriller COVER GIRL MURDER (1995) mit Paul Sorvino, Elliott Gould und Corbin Bernsen. Leider hat es Schroeder für so notwendig gehalten, noch ein CYBORG-Sequel (1993) zu drehen.

  • Weitere bislang besprochene Filme mit Jack Palance:

        DELTA III (1979)

        DAS GEHEIMNIS DER FLIEGENDEN TEUFEL (1980)

        STARFIRE (1991) 

  • „Wenigstens versucht Schroeder, visuelle Klasse zu erreichen, um die idiotische Handlung aufzumotzen.“          (DIE SCIENCE FICTION ENZYKLOPÄDIE) 

  • ,,Regisseur Michael Schroeder versucht das Triviale durch Hinzufügen des Bizarren zu übertrumpfen: Eine Cyborg-Frau explodiert beim Orgasmus.“ (MOVIESTAR) 

  • „Die simpel gestrickte Story bleibt in Unlogik stecken und erschöpft sich bald in der Aneinanderreihung von dilettantischen Kampfszenen, die mit rüden Sprüchen kommentiert werden.“ (LEXIKON DES INTERNATIONALEN FILMS) 

  • „Außer dem futuristischen Spar-Produktionsdesign, Martial Arts-Einlagen und der erotischen Präsenz der Hauptdarstellerin für dem Zuseher nicht viel geboten.“ (Andreas Bertler, HÖLLE AUF ERDEN) 

  • „Tricks und Effekte sehen teurer aus als sie sind und können nur in Einzelfällen (Titelsequenz) überzeugen.“ (Frank Trebbin, DIE ANGST SITZT NEBEN DIR) 

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Cyborg

C Y B O R G

USA 1989 / O: „Cyborg“ / AT: „Cyborg - Die ultimative Antwort des Kämpfers“ / Prod.: Cannon Films / Laufzeit: 82 Min. (uncut) / FSK: SPIO/JK 

Regie: Albert Pyun / Musik: Kevin Bassinson, Jim Saad, Tony Riparetti / Kamera: Phillip Alan Waters / Prod.: Menahem Golan & Yoram Globus / Buch: Kitty Chalmers 

Darsteller: Jean-Claude Van Damme (Gibson Rickenbaker), Deborah Richter (Nady Simmons), Vincent Klyn (Fender Tremolo), Alex Daniels (Marshall Strat), Ralf Moeller [als Rolf Muller] (Brick Bardo), Dayle Haddon (Pearl Prophet), Blaise Long (Furman Vux), Haley Peterson (Haley), Terrie Batson (Mary) sowie Jackson “Rock” Pinckney, Janice Graser, Robert Pentz, Sharon T. Kew, Chuck Allen, Jophery C. Brown, Matt McColm u.a.

 

„Eine äußerst fragwürdige Kombination aus niedrigsten Rache- und Allmachtsphantasien mit der „Ästhetik“ abstoßender Gewaltszenen“, urteilte das Lexikon des internationalen Films. Ja, Endzeitfilm-Freaks aufgepasst: Die Welt ist im Eimer, die Hälfte der Menschheit hat eine Seuche dahingerafft, Brutalo-Banden kloppen sich so durch die öde Gegend, während ihr Boss Fender (peinlich: Vincent Klyn als röchelnder Billig-Schurke) die Titel gebende Cyborg-Tussi Pearl Prophet (Dayle Haddon), die die Entwicklung eines Heilmittels ermöglichen könnte, kidnappen lässt. Das ruft die schwitzenden Muskel aus Brüssel auf den Plan: Jean-Claude Van Damme, natürlich mal wieder ohne Plan, dafür aber mit dem ulkigsten Namen seit der Erfindung „Schwarzenegger“: Gibson Rickenbacker! Da hat Drehbuch-Uschi Kitty wirklich ihre ganze Kreativität einfließen lassen, als sie die Namen der Charaktere aus dem Bereich der Musikinstrumente ausborgte. Wie dem auch sei: Mucki-Klopsberg Van Damme schlägt sich als belgischer Export-Schlager durch still gelegte Industrie-Ruinen, die mal wieder als preiswerte Endzeit-Kulissen herhalten mussten, in Richtung Fender, mit dem er noch eine Rechnung offen hat. Kurzum: er ist nicht ganz dicht. Was es da noch zu klären gibt, erfahren wir in abstrusen Flashbacks, in denen Van Damme als säuselnde Pennbacke mit Wischmopp-Perücke aussieht wie ein Verwandter von Vetter Itt aus der Addams-Family. Irgendwann begegnet ihm noch ein gewisser Ralf Moeller, der sich auf dem Weg nach Hollywood verlaufen hat, und gemeinsam hauen sie sich ordentlich ihre hohlen Birnen ein. Yeah, Baby! 

CYBORG ist nach dem TERMINATOR-Vehikel NEMESIS ein weiterer haarsträubender und Zehennägel kräuselnder Ausflug in die Welt der Mensch-Maschine-Mythen des vielfilmenden Exil-Hawaianers Albert Pyun (CYBER WORLD; ULTIMATE CHASE). Das kann dabei heraus kommen, wenn man mal der Assi von Akira Kurosawa war: Da wechseln sich Szenen routinierter Billigfilm-Action ab mit hektischer Schnitt-Technik, Zeitlupen-Einstellungen, Rückblenden und  etlichen Dialogen, in denen über das Ende der Welt diskutiert wird. Albert Pyun ist der Intellektuelle unter den Schund- und Trashfilmern: Selbst bei niedrigstem Budget und allerdümmsten Plot stopft er seine Werke voll mit optisch mehr oder weniger eindrucksvollen Sequenzen und bedeutungsschwangeren Metaphern; das alles soll irgend etwas darstellen, nur was, das wissen weder Pyun noch der Zuschauer, was vielleicht auch besser so ist. Letztendlich ist dieser brutal-blöde, post-apokalyptische Trash-Klopper mit Videotheken-Bonus auch nur eines dieser hohlen Handkantenspektakel, in dem K(r)ampf-Koloss Van Damme mehr seine kämpferischen denn seine mimischen Fähigkeiten demonstrieren darf und sich als ausdrucksloser Kraftmeier durch die Botanik prügelt. Dabei springen ihn immer mal wieder die üblich debilen Bösewicht-Knallchargen, wie man sie aus Endzeit-Schwurblern dieser Art zu Genüge kennt, an; zusammen kloppen sie sich einen, so wie es der geneigte Van-Damme-Fan erwartet. Beim belämmerten „Fleischpiraten“-Anführer Fender zeigt sich zumindest in der deutschen Fassung, dass sämtliche Nichtraucherdebatten für ihn zu spät kamen: er röchelt mit seiner Aschenbecherstimme alle Lungenkrebskandidaten locker in die Ecke. Ein post-apokalyptisches Weibsbild (Deborah Richter, CROSS RIDERS – TEUFELSKERLE AUF HEISSEN MASCHINEN, 1987) taucht auch noch auf und darf so sagenhafte Dialogzeilen wie „Du bist auch nur eine große, laufende Wunde, nicht wahr?“ stammeln. Autsch! 

Eine Szene hat es sogar besonders an sich: Jean-Claude Van Damme wird in der Wüste ans Kreuz genagelt, wobei ihm im Delirium Erinnerungsfetzen in Form von einmontierten Rückblenden vorbeiblitzen und er auf einmal mit einer albernen Faschingsperücke auftaucht. Jesus hatte da sie bessere Frisur. Da hätte man das Ding ansägen und umschmeißen müssen und ihn mit dem Gesicht nach unten so liegen lassen sollen. Das wäre in Anbetracht seiner schauspielerischen Talente auch eine Form der Erlösung gewesen. Und zwar für uns alle. 

·        In CYBORG wurden bereits verwendete Kostüme und Kulissen nebst einiger abgedrehter Szenen verwendet, die von Cannon Films für die damals geplante SPIDERMAN-Verfilmung (!) und der Fortsetzung zu MASTERS OF THE UNIVERSE gedacht waren. Beide Projekte sollten unter der Regie von Albert Pyun entstehen, doch da sowohl Marvel als auch Mattel aufgrund ausgebliebener Zahlungen sich davon verabschiedeten, wurden beide Produktionen gestoppt. Um die bereits getätigten Investitionen nicht vollständig in den Sand zu setzen, entschlossen sich Golan & Globus ein Ding namens CYBORG auf die Filmwelt loszulassen. Was nix nützte: Cannon Films ging trotzdem pleite. 

·         Dennoch musste CYBORG so erfolgreich gewesen sein, dass sich ein Michael Schroeder dazu entschloss, für den reinen Videomarkt zwei überflüssige Fortsetzungen hinterher zu schieben: CYBORG 2 (1993) mit Angelina Jolie und Jack Palance sowie CYBORG 3 (1994) mit Zach Galligan, Richard Lynch und Malcolm McDowell 

·         Der gebürtige Neuseeländer Vincent Klyn gab hier sein Filmdebüt und chargierte sich noch durch diverse andere Albert-Pyun-Filme. Als da wären: BLOODCHAMP (1991, aka BLOODMATCH), KICKBOXER 2 – DER CHAMP KEHRT ZURÜCK (1991), DOLLMAN (1991), NEMESIS (1993), CYBORG WARRIORS (1993, mit Lance Henriksen und Kris Kristoffersen), RAVEN HAWK (1996) und BLAST – DAS ATLANTA-MASSAKER (1997). Die Titel sind Programm. 

·       Im Hinblick auf die vielen unterschiedlichen, grotesk gekürzten Fassungen: Hier ist der ofdb-Link: http://www.ofdb.de/film/31,Cyborg 

  • „Post-apokalyptisches Trash-Movie, das nicht einmal den niedrig angesetzten Standards des Genres gerecht wird.“ (HEYNE FILMLEXIKON)   

  • „KLATSCH! PATSCH! WATSCH! Vor der schäbigen Kulisse Atlantas steigt der Endkampf. Ja, Karate kann mächtig weh tun. Ein Film für Hirnis.“ (Volker Jansen & Ronald M. Hahn, LEXIKON DES SCIENCE-FICTION-FILMS) 

  • „Der feminine Touch durch die Drehbuchautorin Chalmers macht sich dadurch bemerkbar, dass es häufige Versuche gibt, die Muskelspiele und Messerstechereien der Helden mit Empfindsamkeit zu verbinden, so z.B. als Van Damme zurück in sein Trauma fällt oder mit seiner lang vermissten Tochter vereint wird.“ (DIE SCIENCE FICTION FILMENZYKLOPÄDIE) 

  • „Logik und Feingefühl darf man von Kitty Chalmers Drehbuch nicht erwarten, dafür aber Endzeit-Gekicke en masse und ein paar ausgesuchte Brutalitäten.“ (Frank Trebbin, DIE ANGST SITZT NEBEN DIR) 

  • „Die Zeit zwischen den Kampfszenen überbrückt der Regisseur mit belanglosen und pseudomoralischen Rückblicken. Die Dreharbeiten hatten für Van Damme noch ein unangenehmes (und teueres) Nachspiel: Ein Stuntman, der bei einer Szene das linke Augenlicht verloren hatte, verklagte den Actionstar und gewann. Die Szene ist übrigens im Film enthalten.“ (Andreas Bertler, HÖLLE AUF ERDEN) 

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