Das Kreuz mit dem Kreuz
Tumult unter'm christlichen Abendhimmel! Aygül Özkan, eine Frau, ja eine Frau, und dazu noch eingeschleust aus der Türkei, hat es doch tatsächlich gewagt zu verlangen, das Kruzifix an staatlichen Schulen zu entfernen. Erwartungsgemäß gab es aus den Reihen der CDU, wo die Özkan (bislang) als Shootingstar gehandelt wurde, einen Aufschrei, der einfach nur zum schreien ist. Dabei hat man so viel Kluges aus dem Mund eines CDU-Parteimitglieds schon lange nicht mehr gehört. Das Kruzifix gehöre nicht an (staatliche) Schulen - was für eine Forderung! Das sie auch das Kopftuch bei Lehrerinnen ablehnt ging bei dem Tumult der alten Männer völlig unter. O-Ton Aygül Özkan: "Wo die Kopftücher keinen Platz haben, haben die Kreuze auch keinen." Sie begründete ihre Forderung damit, dass die Schule ein neutraler Ort sein müsse. Recht hat sie, denn damit hat sie nur erklärt, was im Grundgesetz längst verankert ist. Das Kruzifix-Urteil von 1995 lautete, "dass die Anbringung eines Kruzifixes dort, wo der Einzelne nicht ausweichen kann, in Unterrichtsräumen einer staatlichen Pflichtschule, die keine Bekenntnisschule ist, gegen den Artikel 4 Abs. 1 des Grundgesetzes verstößt“.
Aygül Özkan hat eigentlich nur das wiederholt, was das Bundesverfassungsgericht längst geklärt hat. Doch das interessiert bei CDU/CSU niemanden. Kurz vor ihrer Ernennung zur niedersächsischen Sozialministerin durch Ministerpräser Christian Wuff!, der bislang einzig herausragenden und bedeutsamen Amtshandlung in seiner politischen Karriere, machte sich die 1971 in Hamburg geborene Aygül Özkan, deren Eltern in den 60ern aus der Türkei übersiedelten, mit ihrer Forderung keine Parteifreunde. Es hagelte Tumulte und Proteste.
Christian Wuff! sah sich veranlasst richtig zu stellen: "In Niedersachsen werden christliche Symbole, insbesondere Kreuze in den Schulen, seitens der Landesregierung im Sinne einer toleranten Erziehung auf Grundlage christlicher Werte begrüßt". Lassen wir ihn in seinem Glauben, wenn er sonst nichts weiter hat. Andere Platzhirsche röhrten kräftig mit, wie z.B. Stefan Müller, der Integrationsbeauftragte der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und Parlamentarische Geschäftsführer der CSU-Landesgruppe im Bundestag: "Politiker, die Kreuze aus Schulen verbannen wollen, sollten sich überlegen, ob sie in einer christlichen Partei an der richtigen Stelle seien." Vielleicht hat sich das Özkan, die in ihrer Partei offenbar nur als muslimisches Maskottchen gut sein soll, inzwischen auch schon gefragt. Stefan Müller scheint ohne Zweifel in der richtigen Partei zu sein, sein Glaube gebietet ihm das. Ist auch gut so, denn so weiß man gleich, wo solche Menschen zu finden sind. Martin Lohmann, der gehässige Sprecher vom kürzlich gegründetem Arbeitskreis engagierter Katholiken (AEK) hetzte: "Das Experiment, eine muslimische Politikerin zur Ministerin der Christlich Demokratischen Union in Niedersachsen zu machen, scheint schon vor seinem Beginn gescheitert zu sein." Dieser Lohmann scheint schon längst gescheitert zu sein, vor allem menschlich. Der CSU-Landtagsabgeordnete Karl Freller prophezeite, dass nun "50.000 Kreuze auf den Scheiterhaufen" müssten. Würde bestimmt ein hübsches Lagerfeuerchen abgeben.
Und BILD-Büttel Franz Josef Wagner vom christlich-konservativem Zentralorgan schwadronierte: "Es ist unser christliches, abendländisches Wertesymbol. Es ist das Kreuz, das jeder Mensch in sich spürt. Was für ein kalter Unterrichtsraum, wenn da nichts mehr ist." Herr Wagner, wir hier im Osten haben schon seit 20 Jahren kalte Unterrichtsräume.
Man erinnere sich an den inzwischen in der politischen Versenkung verschwundenen Ronald Pofalla, das ehemalige Generalsekret der Union, das nun auf irgend einem überflüssigen Ministerposten mit durchgefüttert wird und 2007 ernsthaft aus einer Bierlaune heraus forderte, dass man an allen Schulen Kruzifixe aufhängen müsse. Wie kann man nur so aufdringlich sein? Und was soll das Kruzifix im Klassenzimmer? Wenn Jesus ersoffen wäre, würde anstatt des Kreuzes da vielleicht ein Fisch hängen. Das würde auch viel besser sowohl zur ewigen Kruzifix-Debatte als auch zur momentanen Situation der Kirche passen: Der Fisch stinkt vom Kopfe her.
Das Kruzifix im Klassenzimmer hat nur einen einzigen Zweck: als Kind kann man viel leichter missioniert und beeinflusst werden als im Erwachsenenalter. Befasst man sich da mit diesem ganzen christlichen Hokuspokus ist es bereits zu spät. Das ist so sicher wie die Armen in der Kirche.
Im Grunde genommen sind das alles zutiefst ängstliche Menschen. Sie haben Angst um ihre Vormachtsstellung. Sie haben Angst, den alles entscheidenden Einfluss bezüglich der Kinder und ihrer religiösen Ansichten zu verlieren. So gesehen ist dieser christliche (oder irgendein anderer) Glaube nichts, womit man auf diese Welt kommt, sondern auch nur etwas, was man in die hohle Birne gehämmert bekommt. Bei der verblendeten Schüler-Union hat das ja ganz gut geklappt: die forderten Aygül Özkan auf, ihr Amt nicht anzutreten. Brave Christen. Die Schüler-Union: So viel zu Jugendlichen und jungen Menschen, die auf die schiefe Bahn geraten sind. Die Ärmsten.
Aygül Özkan blieb gar nichts anderes übrig: Brav durfte sie sich entschuldigen und zu Kreuze kriechen. So funktioniert in Doitschland die Integration. Jetzt ist sie für den niedersächsischen Landtag geeignet und passt auch sonst in die Unionsparteien hinein. Gefallen hätte mir folgendes Statement: Ihr könnt mich mal kreuzweise! Das wäre ehrlicher gewesen, als eine erzwungene Entschuldigung, damit der politischen Karriere ja nichts im Wege steht. Christian Wuff! stellte sogleich dar, dass sie sich "aus eigenen freien Stücken für das Missverständnis und die Verletzungen religiöser Gefühle" entschuldigt habe. Warum soll man immer nur auf die religiösen Gefühle Rücksicht nehmen? Wer nimmt denn auf meine nicht-religiösen Gefühle Rücksicht?
All diese christlich-fundamentalistischen Meinungsplatzhirsche wollen einfach nicht wahr haben, dass staatliche Schulen neutral zu bleiben haben. Religion ist Privatsache! Und Aygül Özkan? Während ihrer Vereidigung zur niedersächsischen Sozialministerin durfte sie auf Gott schwören - wer auch immer das sein soll.
Kommentare (2)

Das Kreuz mit dem Kreuz
geschrieben von Marion, November 27, 2011
geschrieben von Marion, November 27, 2011
Den Beitrag eines Rene Zink würde ich als unseriöse primitive Propaganda der "Rechten" zuordnen, wie wir das schon mal hatten. Wer das Gerichtsurteil kennt und auch gelesen hat, da steht nichts von einen Türken oder einer Frau, da geht es um ein 10 jähriges Kind, das mit einen Kreuz an den ein Leiche (der Jesus) angenagelt wurde, in 2 m Abstand vor der Schulbank, in der Schule Probleme hatte. Es ging auch nicht darum das Kreuz zu beseitigen, sondern der Vater hatte gebeten das Kreuz etwas weiter entfernt aufzuhängen.
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Aktualisiert (Donnerstag, den 29. April 2010 um 17:15 Uhr)

















http://www.bundestag.de/dokumente/analysen/2010/kruzifix_im_klassenzimmer.pdf
So wie ich die geistige Auffassungsgabe dieser Marionette einschätze, würde sie mich allein durch die Benutzung des Wortes "rechtskräftig" in die Nazi-Schublade stecken. Was für eine Pissnelke!